Kapitel 14 von 15

Kapitel 14 - Die Palisade

IssacDJacks11. September 2026

Nach dem Frühstück versammelt Nara alle auf dem Marktplatz.
“Liebe Leute, wir haben heute geplant, eine Palisade an der ersten Breschen in der Stadtmauer zu errichten und ich möchte euch bitten, dass ihr uns unterstützt.”, sagt sie und lässt den Blick über die Gruppe wandern. “Die Gardisten kennen den Plan und das Material liegt bereit. Für alle anderen gilt: Jeder macht das, wozu er oder sie im Stande ist beizutragen. Wer Holz tragen kann, trägt Holz. Wer Löcher graben kann, gräbt Löcher. Wer nicht weiß, was er tun soll, fragt die Gardisten und geht ihnen zur Hand.” Sie schaut zu den Kindern, die sich hinter ihren Eltern verbergen, und dann zu Elsa. “Elsa, kannst du dich um die Kinder kümmern? Sie brauchen jemanden der auf sie aufpasst, während wir arbeiten.”
Elsa nickt und die Erleichterung in ihren Augen ist sichtbar. Eine Aufgabe, die sie kennt und die sie sofort übernehmen kann.
“Ach und seid bitte Vorsichtig in der Stadt, solange wir noch nicht alle Breschen geschlossen haben. Hin und wieder verirren sich Schleime in die Stadt. Sie sind zwar nicht lebensgefährlich oder hoch aggressiv, aber trotzdem nicht ungefährlich. Also geht ihnen am besten aus den Weg oder ruft einen Gardisten zur Unterstützung.”
An der ersten Bresche angekommen, verteilt Cerena die Gardisten auf ihre Positionen. Die angespitzten Pfähle liegen bereit und die Löcher sind markiert. Die Neuen stehen erst unsicher daneben, bis die Erste nach einer Schaufel greift und fragt, wo sie anfangen soll. Dann geht es los.
Hendric kann nicht schwer arbeiten, aber er stellt sich an die Bresche, schaut sich an, was die Gardisten machen, und fängt an, Verbesserungsvorschläge zu machen. Ruhig und präzise, aus der Erfahrung von jemandem, der sein Leben lang mit Holz gearbeitet hat. “Die Querstrebe sollte tiefer sitzen, sonst kippt die Konstruktion beim ersten Stoß.” Die Gardisten hören zu und setzen um. Matthew schaut kurz von seiner eigenen Arbeit auf, sieht was Hendric macht, nickt einmal und wendet sich wieder seinen Pfählen zu.
Nara beobachtet Hendric und sieht, wie sich seine Haltung verändert. Mit jedem Pfahl, der steht, richtet sich auch Hendric ein wenig auf. Seine Stimme wird fester und seine Schultern straffer.
Matthew arbeitet wie jemand, für den körperliche Arbeit so natürlich ist wie Atmen. Seine Söhne arbeiten neben ihm, mit zu viel Enthusiasmus und zu wenig Technik, was dazu führt, dass ihr Pfahl beim dritten Versuch immer noch schief steht. Matthew korrigiert ihn wortlos und Bill verzieht das Gesicht.
Nara arbeitet mit. Nicht weil sie muss, Cerena hat es versucht ihr auszureden und einen Blick dafür kassiert, sondern weil sie nicht daneben stehen und zuschauen kann, wenn alle anderen schuften. Sie hält Pfähle fest, während andere sie einrammen oder reicht Werkzeug weiter.
Am Rand der Baustelle sitzt Elsa mit den Kindern im Gras. Sie hat aus Holzresten und Schnüren etwas gebastelt, das die Kleinen beschäftigt und erzählt den Älteren eine Geschichte, während sie gleichzeitig ein Auge auf Hendric hat.
Als die Sonne den Zenit überschritten hat, steht die erste Palisade. Sie ist nicht schön, sie ist nicht perfekt und Hendric hat mindestens drei Stellen gefunden, die er morgen ausbessern lassen will. Aber sie steht und die erste Bresche ist erfolgreich geschlossen.
Die Gruppe steht davor und schaut sie an. Niemand sagt etwas. Dann klopft Matthew einmal mit der flachen Hand gegen einen Pfahl. Er wackelt nicht.
Damit ist die Palisade früher fertig als geplant. Cerena hat frühzeitig schon zwei Gardisten zum Jagen abgestellt und das Ergebnis davon hängt jetzt ausgenommen an einem Ast neben dem Kamin.
Nara findet Elsa im Hinterhof der Taverne. Die Kinder sitzen im Kreis um sie herum und Elsa wickelt Schnüre um kleine Holzstücke, die langsam die Form von Figuren annehmen. Der Jüngste, Willems Sohn, reibt sich die Augen und sein Kopf nickt immer wieder nach vorne.
“Elsa”, sagt Nara und setzt sich neben sie auf die Bank. “Ich weiß, die Kleinen sind müde. Aber es wäre besser, wenn sie bis heute Abend durchhalten und erst zur normalen Schlafenszeit ins Bett gehen.”
Elsa schaut sie fragend an. “Wieso das? Kinder brauchen ihren Schlaf”
“Wenn sie jetzt einschlafen, sind sie mitten in der Nacht wach und kommen tagelang nicht in einen normalen Rhythmus rein.”
“Ich verstehe”, sagt Elsa und ein winziges Lächeln huscht über ihr erschöpftes Gesicht. Es ist das erste Lächeln, das Nara seit der Ankunft bei ihr gesehen hat. “Mach dir keine Sorgen, Kleines. Ich kenne schlafende Kinder.” Sie stupst Willems Sohn sanft an. “Hey, willst du sehen, wie man aus einem Stück Holz einen Drachen schnitzt?”
Der Junge reißt die Augen auf und ist schlagartig wach.
Die Unterbringung ist eng, aber funktional. Die Kaserne nimmt den Großteil auf, auch wenn die Familien dicht an dicht auf den Pritschen liegen müssen, welche die Gardisten in der vergangenen Woche zusammengezimmert haben. Manche haben Decken über die Seile gespannt, die zwischen den Betten hängen, als provisorische Trennwände. Die Taverne nimmt den Rest auf, Elsa und Hendric schlafen im Erdgeschoss neben dem Kamin. Niemand beschwert sich laut. Nach dem ersten Tag auf Arthengard ist ein Dach über dem Kopf mehr, als die meisten erwartet hatten.
Am nächsten Morgen steht Nara mit Matthew und seinen Söhnen vor der Schmiede. Sie hat das Gebäude schon vor Wochen als nutzbar identifiziert, aber es ist eine Sache, es von außen zu beurteilen, und eine andere, es mit einem Schmied daneben stehen zu haben, der es mit Fachaugen betrachtet.
Matthew tritt ein, ohne auf die anderen zu warten. Er geht langsam durch den Raum, klopft gegen die Wände und horcht auf das Echo. Er prüft den Ofen, fährt mit der Hand über die Innenwand und reibt den Ruß zwischen den Fingern. Dann bückt er sich und schaut unter den Balken, der den Amboss begräbt. Er rümpft einmal kurz die Nase und schlagt mit einem Hammer dagegen…
Nara wartet in der Tür. Tom und Bill stehen hinter ihr und versuchen über ihre Schultern zu spähen.
Dann dreht Matthew sich um. “Ist zu retten.”
Nara atmet aus. Mehr sagt Matthew nicht, aber mehr braucht er auch nicht zu sagen. In seinem Blick liegt bereits die Berechnung, was zuerst gemacht werden muss und in welcher Reihenfolge und wie lange es dauern wird.
Während Matthew den Umfang der Arbeit abschätzt und mit der Hand die Stellen am Ofen abtastet, die repariert werden müssen, bemerkt Nara eine langsame Bewegung hinter sich. Tom und Bill versuchen sich unauffällig Richtung Ausgang zu schieben, einen halben Schritt nach dem anderen, als könnten sie unsichtbar werden, wenn sie sich nur langsam genug bewegen.
Matthew hat offenbar Augen im Hinterkopf. Ohne sich umzudrehen greift er nach hinten, erwischt beide am Kragen und zieht sie in einen Schwitzkasten. Bill quiekt. Tom ergibt sich mit der Würde eines Menschen, der weiß, dass Widerstand zwecklos ist.
“Schutt schaufeln”, sagt Matthew. “Bis der Boden frei ist.”
“Aber Vater…” beginnt Bill.
Matthew schaut ihn an. Bill verstummt und greift nach einer Schaufel.
Cerena stellt zwei Gardisten ab und ein paar Zivilisten helfen ebenfalls. Innerhalb von Minuten hat sich ein Rhythmus eingespielt, Schutt wird geschaufelt, in Eimer gefüllt und nach draußen getragen. Matthew dirigiert den Abtransport mit knappen Gesten, ohne ein Wort zu viel.
Nara steht noch einen Moment in der Tür und schaut zu. Matthew hat bereits aufgehört, auf sie zu achten. Er ist in seinem Element und der Rest der Welt existiert für ihn nur noch als Hintergrundgeräusch. Tom schaufelt gleichmäßig und konzentriert neben seinem Vater. Bill schaufelt doppelt so schnell und halb so effektiv und muss alle paar Minuten pausieren, um nach Luft zu schnappen. Matthew korrigiert ihn nicht. Manche Lektionen muss man selbst lernen.
Nara verlässt die Schmiede und geht zu dem wartenden Bauern Willem.
“Ich will dir etwas zeigen”, sagt sie und versucht so zu klingen, als wäre es keine große Sache. Willem folgt ihr mit Berta im Schlepptau, die mitgekommen ist, ohne dass jemand sie darum gebeten hat.
Der Garten hinter der Abenteurergilde liegt im Vormittagslicht und Nara sieht ihn zum ersten Mal durch die Augen eines Fachmanns. Die unordentlichen Reihen, die mickrigen Setzlinge, das Unkraut das trotz ihrer Bemühungen immer wieder durchkommt. Es ist ihr Garten und sie hat ihn mit eigenen Händen angelegt und in diesem Moment wünscht sie sich, sie hätte das nicht getan.
Willem betritt den eingezäunten Platz und bleibt stehen. Er schaut sich um. Nara sieht, wie sein Blick von Reihe zu Reihe wandert und bei jedem Beet etwas länger verweilt.
Dann fängt er an zu reden.
“Der Abstand zwischen den Reihen ist zu klein, die Pflanzen nehmen sich gegenseitig das Licht.” Er geht einen Schritt weiter. “Und die Erde hätte mindestens doppelt so tief umgegraben werden müssen, die Wurzeln kommen nicht durch die verdichtete Schicht darunter.” Noch ein Schritt. “Die Setzlinge hier stehen viel zu eng, die werden sich gegenseitig ersticken.” Er bückt sich und zieht an einem Blatt. “Und das hier, dieses Gemüse verträgt überhaupt keinen Schatten, das muss in die volle Sonne.” Er richtet sich auf und deutet auf die andere Seite des Gartens. “Und das dort drüben braucht doppelt so viel Wasser wie es bekommt, das sieht man an den gelben Blattspitzen.”
Seine Stimme wird mit jedem Schritt lauter und sein Redefluss schneller und Nara steht daneben, die Arme verschränkt, und versucht nicht so auszusehen, als würde sie am liebsten im Boden versinken.
Dann hört sie einen dumpfen Klatscher und Willem zuckt zusammen und greift sich an den Hinterkopf. Berta steht hinter ihm und ihr Gesichtsausdruck lässt keine Fragen offen.
“Du redest gerade mit der Prinzessin”, sagt sie.
Kurze Stille. Selbst die Vögel scheinen den Atem anzuhalten.
Willem dreht sich zu Nara. Sein Gesicht hat die Farbe einer reifen Tomate angenommen. “Entschuldigt, Hoheit. Ich meinte das nicht so… also ich meinte es schon, aber nicht so.”
Nara winkt ab. “Du hast in jedem Punkt recht. Ich bin keine Bäuerin und hatte niemanden, den ich hätte fragen können. Also habe ich es so gut gemacht, wie ich konnte, und das war offensichtlich nicht besonders gut.”
Willem schaut sie an und Nara sieht, wie sich etwas in seinem Gesicht verändert. Die Verlegenheit weicht und darunter kommt der Respekt eines Mannes zum Vorschein, der versteht, wie viel Arbeit in einem schlechten Garten stecken kann.
“Ich übernehme das ab sofort”, sagt er und seine Stimme hat einen anderen Ton als zuvor. Nicht mehr der Fachmann, der Fehler aufzählt, sondern jemand, der eine Aufgabe annimmt. Dann schaut er sich nochmal um, langsamer diesmal, und sein Blick wandert über die Zaungrenze hinaus auf die umliegenden Flächen. “Aber die Fläche hier wird nicht ausreichen, wenn noch mehr Leute kommen. Wir brauchen dann deutlich mehr Land.”
Nara nickt. “Ich verstehe, ich kümmere mich darum.”
Als die beiden um die Ecke verschwunden sind, steht Nara noch einen Moment allein im Garten. Sie schaut auf die Setzlinge, die zu eng stehen, und die Reihen, die zu nah beieinander liegen. Dann zuckt sie die Schultern und geht zurück zur Taverne.
Elsa sitzt mit den Kindern an einem der großen Tische. Sie bastelt irgendetwas aus Holzresten, das entfernt nach einem Vogel aussieht, und die Kinder schauen gebannt zu. Willems Tochter hält bereits ihr eigenes Exemplar in der Hand und dreht es prüfend hin und her. Für einen Moment sieht die Szene so normal aus, dass Nara fast vergisst, wo sie sich befinden.
Hendric sitzt daneben. Seine bandagierten Hände liegen im Schoß. Er schaut zu, das ist alles, was er tun kann. Alle anderen haben eine Aufgabe, alle anderen bewegen sich, schleppen, bauen, pflanzen. Draußen hämmern die Gardisten, in der Schmiede wird Schutt geschaufelt, im Garten gräbt Willem bereits die Erde um. Und Hendric sitzt an einem Tisch und schaut seiner Frau beim Basteln zu.
Nara zieht sich einen Stuhl heran und setzt sich ihm gegenüber. Hendric blickt auf und in seinen Augen liegt Furst und Misstrauen.
“Hendric, ich muss mit dir über etwas reden”, sagt Nara. “Die Schmiede wird gerade freigeräumt. Matthew schätzt, dass er sie in ein bis zwei Wochen in Betrieb nehmen kann. Sobald das so weit ist, wird er Werkzeug schmieden. Richtiges Werkzeug, nicht den verrosteten Schrott, den wir bisher aus den Ruinen zusammengesucht haben.” Sie schaut ihm direkt in die Augen. “Dieses Werkzeug ist für dich. Stemmeisen, Sägen, Hobel und alles, was du brauchst…”
Hendric rührt sich nicht. Er schaut sie an und sagt nichts.
“Aber dafür brauche ich dich gesund”, sagt Nara. “Oder zumindest so gesund wie möglich. Dein einziger Auftrag bis dahin ist, wieder auf die Beine zu kommen. Iss, ruh dich aus und beweg dich so viel du kannst, ohne dich zu überlasten. Alles andere kann warten.”
Die Stille zwischen ihnen dehnt sich aus. Am Nebentisch kichert eines der Kinder über Elsas Holzvogel. Draußen ruft jemand etwas und ein Hammer schlägt auf Holz.
Hendric schaut auf seine bandagierten Hände. Dann wieder auf Nara. In seinem Blick liegt keine Dankbarkeit, noch nicht. Eher das vorsichtige Abwägen eines Mannes, der gelernt hat, dass Worte nicht immer das bedeuten, was sie sagen. Aber irgendwo dahinter, ganz tief, sieht Nara etwas aufblitzen, das nach Hoffnung aussehen könnte.
Er nickt. Einmal, langsam.

Transparenzhinweis

Ich nutze aufgrund meiner kognitiven Dysfunktion infolge von ME/CFS KI-Assistenzwerkzeuge bei der Texterstellung. Die gesamte kreative Leistung, also Figuren, Handlung, Weltenbau, Dialoge und sämtliche Ideen, stammt vollständig von mir. KI wird ausschließlich als unterstützendes Hilfsmittel eingesetzt, um meine gesundheitlichen Einschränkungen zu überbrücken.