Kapitel 13 von 15

Kapitel 13 - Es wird ernst

IssacDJacks28. August 2026

Eine Woche ist vergangen und die Tage haben einen Rhythmus gefunden. Nara sitzt in der Taverne, den braunen Stein mit der rot leuchtenden Rune vor sich auf dem Tisch. Sie dreht ihn langsam zwischen den Fingern und hält ihn ins Licht, als könnte sich die Bedeutung der Gravur von allein offenbaren, wenn man nur lange genug hinschaut. Aber der Stein schweigt und die Rune leuchtet schwach vor sich hin, als würde sie sich über Naras Unwissenheit amüsieren. Sie braucht Zugang zu der Bibliothek unter dem Schloss, das wird ihr mit jedem Tag klarer. Was auch immer dieser Stein ist, die Antwort liegt nicht in den Büchern ihres Vaters.
Aus der Küche klappern Töpfe und Garreth brummt eine Melodie vor sich hin, die er vermutlich für Gesang hält. Im Hinterhof hört sie die rhythmische Schläge von Cerenas Schwertübungen. Nach dem Frühstück steht für alle die Palisadenerrichtung an der ersten Breschen an. Das Material liegt bereit und die Gardisten haben den Plan schon im Detail durchgesprochen.
Nara wird von einem hellen Lichtblitz aus den Gedanken gerissen und als sie durchs Fenster schaut, sieht sie warum. Das Portal pulsiert hell, so hell wie sie es zuletzt gesehen hat, als die Cerena angekommen sind.
“Cerena!”, ruft sie und richtet das Schwert an ihrer Hüfte. Sie ist bereits an der Tür, als Cerena durch die Hintertür in den Hauptraum kommt. Beide sind auf dem Marktplatz, bevor sich die ersten Gestalten im Portalschein orientiert haben.
Das Portal strahlt grell und spuckt Menschen aus. Einer nach dem anderen stolpern sie über die Stufe, manche fangen sich, manche fallen auf die Knie. Kinder klammern sich an Eltern, eine Frau schreit kurz auf. In weniger als einer Minute stehen knapp zehn Menschen auf dem Marktplatz, zusammengedrängt und starr vor Angst. Sie stehen in einer Welt, die sie nur aus Schauergeschichten kennen. Keiner von ihnen wagt es, sich vom Portal zu entfernen.
Cerena übernimmt sofort. “Vom Portal weg, macht Platz für die Nachkommenden!”, ruft sie und ihre Stimme schneidet durch die Panik. Sie dirigiert die Neuankömmlinge mit klaren Gesten zur Seite, weg vom Portalausgang, bis das letzte Flackern erlischt und knapp zwanzig Zivilisten auf dem Marktplatz stehen.
Einige Gardisten trudeln kurz darauf auf den Marktplatz. Garreth bleibt in der Küche.
Nara tritt vor die Gruppe. Sie sieht die Gesichter, erschöpft und verängstigt, Erwachsene die sich umklammern, Kinder die still weinen. Diese Menschen wurden durch das Portal gestoßen, wahrscheinlich als Abschreckung, und sie erwarten hier den Tod.
Dann erkennt jemand sie. Ein Raunen geht durch die Gruppe und Nara sieht, wie sich die Gesichter verändern. “Die Prinzessin”, flüstert jemand und das Flüstern breitet sich aus. Ein Mann geht als erster in die Knie. Dann die nächsten, bis sie alle knien.
“Steht auf”, sagt Nara. “Bitte steht auf. Hier sind Ränge nichts als Schall und Rauch.”
Während die Neuankömmlinge sich langsam erheben, fällt Naras Blick auf eine Bewegung am Rand der Gruppe. Eine Frau, die sich hinter dem Rücken eines größeren Mannes zu verstecken versucht, den Kopf gesenkt, die Schultern eingezogen. Sie zieht den Mann neben sich, der kaum stehen kann, sanft mit sich nach hinten.
Nara erkennt sie trotzdem: Elsa, ihre ehemalige Zofe.
Sie steht am Rand der Gruppe, den Kopf immer noch gesenkt, eine Hand auf dem Arm des Mannes neben ihr. Sein Gesicht ist eingefallen und seine Haltung ist die eines Menschen, dem etwas Grundlegendes genommen wurde. Er stützt sich auf Elsa und seine Gliedmaßen sind bandagiert und geschwollen.
Nara sieht Elsas Gesicht und in derselben Sekunde sieht sie das gleiche Gesicht, an einem anderen Ort.
In der Kathedrale während der Gerichtsverhandlung, während der Richter auf seinem Podest sitzt. Elsa steht vor dem Gericht, in einem einfachen Kleid, die Hände ineinander verschränkt. Ihre Aussage ist präzise und ihre Stimme klar, bis auf ein kaum wahrnehmbares Zittern, das nur jemand hört, der Elsas Stimme seit der Kindheit kennt. “Prinzessin Nara hat die Geschichte der glorreichen Flucht wiederholt als Mumpitz bezeichnet und sich in meiner Gegenwart über die Kirchenvertreter lächerlich gemacht.” Ihr Blick geht zum Richter, in die Menge, aber nie zu Nara.
Dann ein anderes Bild. Nara ist zehn und hat sich beim Klettern auf dem Dach des Westflügels das Knie aufgeschlagen. Elsa sitzt neben ihr auf dem Bett und legt einen Verband an, ruhig und sicher. “Das wird eine Narbe”, sagt Elsa und in ihrer Stimme liegt kein Vorwurf, nur Wärme. Nara hatte sich nicht beschwert, nicht geweint, hatte nur still da gesessen und Elsa arbeiten lassen. Ein sonderbares Kind, hatte sie die Mägde flüstern hören. Zu ruhig für ihr Alter, zu berechnet.
Und dann ist Nara dreizehn und hat den Sohn des Erzbischofs vor versammeltem Hof indirekt als Dummkopf bezeichnet. Es war keine impulsive Entscheidung gewesen, sondern eine kalkulierte, weil der Junge seit Wochen eine der Mägde schikaniert hatte und niemand etwas dagegen unternahm. Der ganze Palast ist in Aufruhr und alle drehen sich weg, alle außer Elsa, die nur seufzt und sagt: “Das war nicht klug, Kleines.”
Elsa steht am Rand der Gruppe und versucht immer noch sich unsichtbar zu machen, aber Nara sieht nur sie. Ihr Gesicht ist grau vor Erschöpfung. Neben ihr der Mann mit den bandagierten Gliedmaßen. Nara schaut von ihm zu Elsa und zurück und in diesem Moment wird ihr klar, was passiert ist. Wieder einmal hat die Kirche bewiesen, wie skrupellos sie ist. Um eine falsche Aussage zu erpressen, wird ein Familienmitglied entführt und gefoltert und danach werden beide einfach weggeschmissen, um die Spuren zu verwischen.
Nara geht zielstrebig und ruhig los, bis sie vor Elsa steht. Elsas Augen werden groß und Nara sieht die Angst darin, die Scham, die Erwartung von Wut oder kalter Abweisung.
“Es tut mir leid”, flüstert Elsa. Ihre Stimme zittert. “Nara, es tut mir so unendlich leid. Ich hatte keine Wahl, sie haben Hendric…”
Nara schlingt die Arme um sie und hält sie fest.
Elsa weint. Leise und tief, das Gesicht an Naras Schulter vergraben. Es sind die Tränen einer Frau, die vor Gericht gegen das Kind ausgesagt hat, das sie großgezogen hat, weil man ihren Mann als Geisel genommen hat und sie keinen anderen Weg sah. Und jetzt steht dieses Kind vor ihr und umarmt sie, ohne eine einzige Frage.
“Ich weiß es”, flüstert Nara. “Es ist alles gut.”
Hendric steht daneben und schaut zu. Sein Blick ist still und abwartend. Er kennt Nara nur flüchtig und er weiß nur, dass seine Frau wegen dieser Frau ins Unglück geraten ist. Nara spürt seinen Blick, aber sie lässt Elsa nicht los.
Irgendwann, als die Tränen nachlassen, hilft Nara Elsa auf die Beine. Sie wischt ihr mit dem Ärmel die Tränen vom Gesicht, eine Geste, die so vertraut ist, dass Nara erst hinterher begreift, woher sie kommt. Elsa hat das bei ihr getan, als sie ein Kind war.
“Kommt mit”, sagt sie. “Es gibt etwas zu essen.”
Alle in die Taverne. Garreth hat für zwölf gekocht und jetzt sind es über dreißig, aber er improvisiert ohne Murren. Der Eintopf wird gestreckt, die Portionen kleiner, aber warm und für jeden ausreichend. Die Tische werden zusammengeschoben und es wird eng.
Die Neuankömmlinge essen schweigend. Manche schauen sich um und Nara sieht, wie ihre Blicke an den Details hängen bleiben. Die saubere Taverne, der brennende Kamin, die Blumen in den Tontöpfen auf dem Tresen. Das ist nicht das Arthengard aus den Kindergeschichten. Die Anspannung in den Gesichtern löst sich nicht, aber sie verändert sich. Von Todesangst zu Verwirrung ist ein Fortschritt.
Während die Neuen essen, holt Nara das Bürgerverzeichnis und setzt sich nacheinander zu den Familien.
Der Schmied heißt Matthew. Er gibt kurze, knappe Antworten, als hätte jedes Wort einen Preis. “Schmied. Vierzig Jahre. Kann alles machen was mit Metall zu tun hat.” Seine Frau Mara ergänzt alles was er vergisst oder für nicht erwähnenswert hält, was in Matthews Fall fast alles ist, das nicht direkt mit Hämmern und Ambossen zusammenhängt. Ihre Söhne Tom und Bill sitzen neben ihnen. Tom beantwortet Naras Fragen ruhig und präzise, Bill wird ungeduldig und liefert zu viele Details auf einmal, bis Tom ihm einen Blick zuwirft der ihn bremst.
Der Bauer heißt Willem. Er redet viel und es dauert eine Weile, bis Nara die brauchbaren Informationen aus dem Redefluss herausfiltert. Seine Frau Berta beendet das Interview für ihn. “Er ist Bauer und redet zu viel. Nächste Frage.” Willem klappt den Mund zu und Nara muss ein Grinsen unterdrücken. Ihre Tochter und ihr Sohn sitzen daneben und die Tochter verdreht die Augen, eine Geste, die verrät, dass sie dieses Spiel zwischen ihren Eltern seit Jahren kennt.
Hendric spricht leise und langsam und wählt seine Worte sorgfältig, als müsse jedes einzelne Wort seinen Platz verdienen, bevor er es ausspricht. “Ich bin Tischler und kann theoretisch mit Holz arbeiten.” Er schaut kurz auf seine bandagierten Hände und dann wieder auf Nara. In seinem Blick liegt keine Bitterkeit, nur eine stille Feststellung. Elsa sitzt neben ihm und ihre Hand liegt die ganze Zeit auf seinem Arm.
Nara schreibt, hört zu und beobachtet. Ein Schmied, ein Tischler, ein Bauer. Die drei Fachkenntnisse, die sie dringend benötigen. Jetzt sitzen sie vor ihr und essen Eintopf.

Transparenzhinweis

Ich nutze aufgrund meiner kognitiven Dysfunktion infolge von ME/CFS KI-Assistenzwerkzeuge bei der Texterstellung. Die gesamte kreative Leistung, also Figuren, Handlung, Weltenbau, Dialoge und sämtliche Ideen, stammt vollständig von mir. KI wird ausschließlich als unterstützendes Hilfsmittel eingesetzt, um meine gesundheitlichen Einschränkungen zu überbrücken.