Kapitel 12 von 12

Kapitel 12 - Die Entscheidung

IssacDJacks14. August 2026

Die Schritte verhallen auf dem Pflaster und dann ist es still. Nara sitzt allein am Feuer und die Glut knistert leise vor sich hin. Das Portal flackert schwach in seinem gewohnten Rhythmus und die Gebäude um den Marktplatz stehen dunkel und stumm.
Sie legt Holz nach. Das Feuer flackert auf und wirft neue Schatten über die Fassaden. Irgendwo in der Stadt knarrt etwas, vielleicht ein Fensterladen, vielleicht ein kaputter Balken, der sich im Nachtwind bewegt. Nara horcht, aber das Geräusch wiederholt sich nicht.
Sie bleibt sitzen und starrt in die Flammen. Die Minuten ziehen sich und sie merkt, wie die Stille auf sie drückt, gegen die sie seit Wochen ankämpft. Heute Nacht fällt es ihr schwerer als sonst, weil sie weiß, dass irgendwo da draußen elf Menschen durch einen dunklen Wald laufen und sie hier sitzt und nichts tun kann.
Irgendwann steht sie auf. Das Sitzen macht es schlimmer. Sie geht die Treppe zur Stadtmauer hoch.
Die Nacht ist klar und der Himmel voller Sterne. Von der Brüstung aus sieht die Stadt aus wie immer, ein Meer aus Dächern und Schatten, unterbrochen von den dunklen Kronen der Palmen. In der Ferne zeichnet sich der Waldrand als schwarze Linie gegen den Nachthimmel ab.
Nara lehnt sich auf die Brüstung und schaut in Richtung Wald. Der Wind ist ruhig und die Luft ist kühl und trocken.
Die Zeit zieht sich wie zäher Honig. Nara wechselt die Position, lehnt sich mal links an die Brüstung, mal rechts, setzt sich auf den kalten Stein, steht wieder auf. Ihre Gedanken kreisen und sie lässt sie kreisen, weil sie nichts anderes tun kann.
Dann, irgendwann tief in der Nacht, sieht sie es. Ein schwacher Schein über dem Waldrand, kaum mehr als ein Glühen am Horizont, das sich von der Dunkelheit abhebt.
Ihr Herz setzt einen Schlag aus und ihre Hände umklammern die Brüstung. Das ist entweder das Goblindorf das brennt oder etwas ist schiefgegangen. Sie kann es von hier aus nicht unterscheiden und das Warten wird mit einem Mal noch unerträglicher.
Ihre Gedanken beginnen zu rasen. Sie stellt sich vor, wie sie selbst dabei wäre. Wie sie durch den Wald schleicht und Entscheidungen treffen muss, die sie nicht einschätzen kann. Wie sie Handzeichen geben soll, die sie nicht kennt, und Formationen befehlen soll, die sie nie trainiert hat. Und dann stellt sie sich vor, wie jemand fällt. Wegen ihr, wegen einer Lücke in ihrem Wissen, die sie nicht einmal als Lücke erkannt hätte.
Sie presst die Stirn gegen den kalten Stein der Brüstung und atmet langsam aus.
Dann fällt ihr der Kommentar des Gardisten am Kamin ein. Dein Job ist es nicht, alles zu können. Dein Job ist es, die Leute zu kennen, die helfen können.
Was kann sie?
Als Prinzessin hat sie siebzehn Jahre in einem goldenen Käfig verbracht und sich darüber beklagt. Aber in diesem Käfig hat sie Dinge gelernt, ob sie wollte oder nicht: Politik, Verwaltung und Logistik. Wie man mit Menschen umgeht, die unterschiedliche Ziele verfolgen und trotzdem an einem Tisch sitzen müssen. Wie man Interessen abwägt, wenn jede Entscheidung jemanden benachteiligt. Jahrelang hat sie das als nutzlosen Ballast betrachtet, als Teil einer Rolle, die sie nie spielen wollte. Aber es ist trotzdem da.
Und als Julia? Mit siebzehn Vollwaise, mit einundzwanzig an der Tankstelle, mit dreißig ans Bett gefesselt. Sie hat gelernt, mit wenig auszukommen, zu priorisieren, wenn alles gleichzeitig dringend ist. Das Einzige, was ihr am Ende geblieben war, war ihre Kreativität. Die Fähigkeit, Systeme im Kopf zu bauen, Lösungen zu durchdenken, Zusammenhänge zu erkennen, auch wenn ihre Hände sie nicht mehr umsetzen konnten. Und sie hat nie aufgehört nachzudenken, selbst wenn ihr Körper nicht mehr mitmachen wollte.
Beides zusammen ist das, was sie hat. Keine Schwertkunst, keine Taktik, keine militärische Ausbildung. Aber den Überblick behalten, wenn alle anderen den Kopf unten haben. Wissen, wer was kann. Entscheiden, was zuerst kommt, wenn alles gleichzeitig brennt.
Mehr Menschen werden kommen. Ihr Vater hat es geschrieben und Aldric hat es bestätigt. Jeder wird etwas mitbringen, Fähigkeiten, Erfahrungen, aber auch Ängste und Erwartungen. Ohne Koordination wird es Chaos. Jemand muss wissen, wer da ist, was sie können und was gebraucht wird. Jemand muss den Überblick behalten, wenn alle anderen damit beschäftigt sind zu überleben.
Das ist ihre Aufgabe.
Sie will es immer noch nicht. Das hat sich nicht geändert und sie bezweifelt, dass es sich je ändern wird. Aber sie versteht jetzt, warum es trotzdem sie sein muss. Nicht weil sie die Beste ist, sondern weil sie die Einzige ist, die an dieser Stelle steht.
Der Feuerschein über dem Waldrand erlischt langsam. Der Himmel beginnt sich im Osten ganz leicht aufzuhellen, ein schmaler Streifen, der von Schwarz zu einem tiefen Blau wechselt. Nara steht auf der Mauer und schaut zu, wie die Nacht sich zurückzieht.
Als die ersten Vögel anfangen zu singen, hört sie Stimmen aus dem Wald. Zu laut für eine feindliche Gruppe und zu fröhlich für schlechte Nachrichten. Die Gardisten treten aus dem Waldrand auf die Wiese und im Morgenlicht sieht Nara ihre Umrisse, die Bögen über den Schultern, die Schwerter an den Hüften. Einer von ihnen wird von zwei anderen gestützt und humpelt, aber er lacht dabei.
Nara hebt die Hand und winkt.
Sie steigt von der Mauer und erreicht den Marktplatz, als die Gruppe durch das Stadttor kommt. Die Gardisten lassen sich auf die Stühle und Bänke fallen und die Erschöpfung kommt jetzt, nachdem das Adrenalin nachlässt. Manche lehnen sich einfach zurück und schließen die Augen. Der humpelnde Gardist lässt sich auf eine Bank fallen und legt den verstauchten Fuß hoch.
Cerena tritt aus der Gruppe heraus und Nara geht ihr entgegen. Sie schlingt die Arme um Cerena und drückt sie kurz an sich. Dann lässt sie los, nimmt Cerena am Arm und zieht sie ein Stück vom Marktplatz weg, bis sie außer Hörweite der Gardisten stehen.
“Ich habe eine Entscheidung getroffen”, sagt Nara.
Cerena schaut sie an und wartet.
“Ich nehme meine Rolle an. Ich bin die Anführerin dieser Gemeinschaft und ich höre auf, dagegen anzukämpfen.” Nara macht eine kurze Pause und sucht Cerenas Blick. “Aber ich brauche deine Unterstützung. Nicht nur als Hauptmann der Stadtwache, sondern als treue Freundin und rechte Hand”
Cerena schaut sie an und Nara sieht etwas in ihren Augen, das sie selten dort gesehen hat. Keine Überraschung, Cerena hat diese Entscheidung offensichtlich erwartet, sondern tiefen Respekt. Cerena kniet sich hin. “Ich, Cerena von Niederheim, gelobe hiermit, Euch, Prinzessin Nara von Runenberg, in Treue zu dienen. Mein Schwert gehört Euch, mein Leben steht zu Eurem Schutz. In Frieden wie im Kampf, in Ehre wie in Not, bis der Tod mich ereilt oder Ihr mich meines Eides entbindet”
Nara läuft Rot an. “Ich nehme Euren Eid an und gelobe im Gegenzug, Euer Vertrauen niemals zu missbrauchen. Euer Dienst wird nicht vergessen.” Dann tritt eine peinliche Stille ein.“Und jetzt steh endlich auf, bevor ich noch vor Scham komplett im Boden versinke!”
Es dämmert und das Morgenlicht kriecht über die Dächer der Stadt. Nara dreht sich zu den Gardisten um.
“Ab in die Kaserne, alle miteinander”, sagt sie. “Schlaft. Ihr habt es euch mehr als verdient.”
Garreth, der humpelnde Gardist, hebt den Kopf. “Hoheit, ich kann das Frühstück vorbereiten, der Fuß ist nicht so…”
“Garreth”, sagt Nara. “Du hast gerade ein Goblindorf ausgeräuchert. Du schläfst jetzt. Das ist ein Befehl.”
Er grinst und lässt sich von zwei Kameraden hochziehen. Die Gardisten schlurfen über den Marktplatz Richtung Kaserne. Cerena geht neben Nara zur Taverne und in der Tür dreht sie sich nochmal um.
“Du solltest auch schlafen.”
“Das habe ich vor”, sagt Nara.
Cerena mustert sie einen Moment, als müsse sie prüfen, ob das stimmt. Dann nickt sie und verschwindet nach oben. Nara folgt ihr. Sie zieht die Decke über sich und zum ersten Mal seit sie durch das Portal getreten ist, fühlt sich das Einschlafen nicht wie eine Kapitulation an.
Als Nara aufwacht, steht die Sonne bereits hoch und Lichtstreifen fallen durch die Fensterläden auf den Boden. Aus dem Nebenzimmer hört sie Cerenas gleichmäßiges Atmen. Sie steht leise auf und geht nach unten.
Sie hängt den Kessel auf, legt Feuerholz nach und schneidet die Fleischreste in Stücke. Die Kartoffeln schält sie langsamer als Garreth es getan hätte und weniger elegant, aber sie schält sie. Während der Eintopf vor sich hin köchelt, durchsucht sie die Vorräte, die ihr Vater geschickt hat. Zwischen Werkzeug und Decken findet sie einen Stapel Papier, sauber gebündelt und in Leinen eingeschlagen. Natürlich hat er daran gedacht. Sie hält das Bündel einen Moment in den Händen und atmet aus. Dann nimmt sie das leere Buch in dem sie eigentlich Tagebuch führen wollte aus dem Regel. Zusammen mit Feder und Tinte setzt sie sich an den Tisch und beginnt zu schreiben.
Bürgerverzeichnis
Darunter entwirft sie eine Vorlage mit Name, Geburtsdatum, Stärken, besonderen Fähigkeiten, Aktuelle Aufgabe und Sonstiges. Platz genug, um später etwas ergänzen zu können. Jeder Bürger bekommt seine eigene Seite. Sie schreibt zwölf Vorlagen ab, eine für jeden Namen, den sie kennt, und lässt die meisten Felder offen. Die wird sie nach und nach füllen, im Gespräch, in der Beobachtung, im Alltag. Auf den letzten Seiten ergänzt sie noch ein Inhaltsverzeichnis.
Dann nimmt sie die Blätter und schreibt. Alles was ihr in den Kopf kommt, jede Aufgabe und jedes Problem, das gelöst werden muss. Sie schreibt ohne zu sortieren, ohne zu priorisieren, einfach alles raus. Wasserversorgung, Unterkünfte, Garten, Mauer, Vorräte, Nahrungsversorung, ihr Schwertunterricht, bis hin zum Flicken der Breschen.
Die Liste wächst und wächst. Sie füllt ein Blatt und nimmt das nächste. Gedanken die seit Wochen in ihrem Kopf kreisen, halbfertige Pläne, die nie über das Stadium von Grübeleien hinausgekommen sind. Alles fließt aufs Papier.
Als sie fertig ist, lehnt sie sich zurück und atmet aus. Vor ihr liegen mehrere Blätter, vollgeschrieben in ihrer unordentlichen Handschrift, und alles, was wochenlang in ihrem Kopf gekreist hat, liegt jetzt auf dem Tisch. Es ist ein merkwürdig befreiendes Gefühl, als hätte jemand einen Korken gezogen, der viel zu lange in einer Flasche gesteckt hat.
Dann beginnt sie zu sortieren. Was ist dringend, was kann warten, was ist gerade überhaupt machbar. Vieles fällt nicht in die letzte Kategorie, denn ohne Schmied, ohne Bauer, ohne Zimmermann sind ihnen die Hände gebunden. Die Mauer reparieren, ordentliche Möbel bauen, Werkzeuge schmieden, Felder anlegen, die besser funktionieren als ihr kleiner Hobbygarten. All das braucht Fachkenntnisse, die niemand in ihrer Gruppe hat. Diese Blätter legt sie auf einen separaten Stapel und steckt sie in ihre Tasche.
Was bleibt, ist überschaubar.
Sie steht auf, rührt den Eintopf um und geht zur Abenteurergilde. Das Gildengebäude ist still und leer und der Staub tanzt in den Sonnenstrahlen, die durch die Ritzen fallen. Die Pinnwände an den Wänden, die seit Generationen leer hängen, gespickt nur mit verrosteten Nägeln, bekommen jetzt ihren Zweck.
Nara teilt sie in drei Bereiche auf. Auf die linke Pinnwand nagelt sie die Aufgaben zur Erkundung. Was muss kartiert werden, welche Gebäude sind noch unbekannt, was liegt außerhalb der Stadtmauern. Die mittlere Pinnwand bekommt alles zur Versorgung. Wasserversorgung, Garten, Jagd, was fehlt und wo es zu finden sein könnte. Die rechte Pinnwand ist für den Wiederaufbau: Welche Gebäude müssen als erstes hergerichtet werden und was kann ohne Fachkenntnisse vorbereitet werden?
Nur was dringend und machbar ist, kommt an die Wand. Der Rest bleibt in der Tasche.
Sie tritt zurück und betrachtet die drei Pinnwände. Ihre Handschrift war schon in ihrem alten Leben keine Schönheit. Aber die Aufgaben hängen dort, sortiert und geordnet, und sie ergeben einen Plan, oder zumindest den Anfang davon.
Es ist wenig, aber es ist geordnet und es ist ein Anfang.

Transparenzhinweis

Ich nutze aufgrund meiner kognitiven Dysfunktion infolge von ME/CFS KI-Assistenzwerkzeuge bei der Texterstellung. Die gesamte kreative Leistung, also Figuren, Handlung, Weltenbau, Dialoge und sämtliche Ideen, stammt vollständig von mir. KI wird ausschließlich als unterstützendes Hilfsmittel eingesetzt, um meine gesundheitlichen Einschränkungen zu überbrücken.