Der Gardist steht vor der Pinnwand in der Abenteurergilde und führt mit dem Finger über die provisorische Stadtkarte, während er seinen Bericht erstattet. Nara sitzt am Tresen, ihr Notizbuch aufgeschlagen, die Feder in der Hand, und schreibt mit. Cerena lehnt an der Wand neben der Tür und hört zu, die Arme vor der Brust verschränkt.
“Den gesamten Nordostabschnitt haben wir mittlerweile durchsucht, Hoheit. Drei brauchbare Gebäude haben wir noch gefunden, zwei davon mit intaktem Obergeschoss.” Er tippt auf die entsprechenden Stellen der Karte und Nara sieht die Kohlekreise, die er dort bereits eingezeichnet hat. “Eins hat einen Keller, der trocken ist und sich als Lager eignen würde. Die Decke ist stabil, keine Risse, und der Zugang ist breit genug, um Fässer und Kisten hinunterzutragen.”
Nara notiert die Position und die Details. “Und die Straßen?”
“Größtenteils passierbar. Aber ab der dritten Kreuzung nach Westen wird der Schutt so dicht, dass man sich nicht mehr gefahrlos bewegen kann. Der Rest des Viertels ist von dieser Seite nicht zugänglich.” Er zuckt die Schultern. “Vielleicht gibt es einen Weg vom Süden oder über die Mauer im Norden, aber das ist das nächste Mal dran.”
“Gut, was noch?”
“Richtung Südwesten haben wir weitergemacht. Zwei weitere Wohnhäuser, eins davon mit einer brauchbaren Werkstatt im Erdgeschoss, die Werkbänke sind aber schrott und es gibt einen kleinen Innenhof.” Er fährt mit dem Finger auf der Karte Richtung Schlossruine. “Dann wird es Richtung Schlossruine immer zerstörter, da gibt es nicht mehr viel zu holen. Je näher man kommt, desto schlimmer sieht es aus, als ob alles, was in der Nähe des Schlosses gestanden hat, mit verbrannt wäre.”
Nara nickt und schreibt.
“Ach ja, eine Sache noch.” Er kratzt sich am Hinterkopf, als müsse er sich erinnern, wo er das einordnen soll. “In der Nähe des innen Stadtkerns, vielleicht hundert Meter nördlich davon, habe ich einen Zugang gefunden. Halb unter Gestrüpp verborgen, das Gebüsch hat sich so darüber gelegt, dass man es nur sieht, wenn man direkt davor steht. Sieht aus wie ein Zugang zur Kanalisation oder etwas ähnliches. Es ist eine Steintreppe, die nach unten führt. Mehr konnte ich von außen nicht erkennen.”
Naras Feder hält inne. Nur einen Herzschlag lang, kaum genug, damit jemand es bemerken würde. Dann schreibt sie weiter. Sie notiert die Position und die Beschreibung, so wie sie alles andere notiert hat, die Keller und die Werkstätten und den Schutt auf den Straßen. Eine Zeile zwischen den anderen.
“Wie groß ist der Zugang?”, fragt sie und ihre Stimme klingt genauso gleichmäßig wie bei den Häusern und den Kellern und den Werkbänken.
“Groß genug, dass eine Person hindurchpasst. Vielleicht etwas eng mit voller Ausrüstung, aber machbar.”
“Danke, gute Arbeit.”
Der Gardist nickt zufrieden und verlässt die Gilde. Nara klappt ihr Notizbuch zu und legt die Feder beiseite. Sie sitzt still am Tresen und schaut auf die Pinnwand. Die Stadtkarte mit ihren Kreisen und Kreuzen, die offenen Aufgaben. Alles ist da, alles ist geordnet, alles hat seinen Platz.
Aber alles andere ist plötzlich Hintergrundgeräusch.
Nordlich der Schlossruine liegt ein Zugang, der nach unten führt. Unter der Erde, wo die Drachen besser gesagt Wyvern, wie sie mittlerweile weiß, nicht gewütet haben und wo das Feuer vielleicht nicht hinreichte. Unter der Erde, wo in ihrem Traum eine Bibliothek liegt, mit Regalen voller Bücher mit Wissen über Arthengard.
Nara steht auf und geht in der Gilde umher. Cerena bleibt stehen und beobachtet sie. Sie kennt dieses Verhalten und weiß genau, dass Nara gerade etwas ausheckt.
“Ich brauche einen kleinen Erkundungstrupp”, sagt sie. “Dich und vielleicht vier Gardisten? Es gibt einen Zugang zur Kanalisation in der Nähe der Schlossruine. Es wäre nützlich zu wissen, was unter der Stadt liegt.”
Cerena schaut sie an. Nara bemerkt, wie Cerena eins und eins zusammenzählt. Die Schlossruine, die Nara tagelang nicht aus dem Kopf gegangen ist. Die verschütteten Eingänge, an denen Nara mit bloßen Händen gegraben hat, bis Aldric ihr die Hand auf die Schulter gelegt hat. Und jetzt eine Kanalisation, die zufällig in derselben Gegend liegt.
Aber sie fragt nicht. Sie schaut Nara an, eine Sekunde länger als nötig, und nickt dann.
“Gut ich stelle eine Gruppe zusammen”, sagt sie. “Wann?”
“So schnell wie möglich.”
Cerena hebt eine Augenbraue, doch sie weiß, dass der Moment zum Diskutieren längst vorbei ist. Dann geht sie.
Eine Stunde später steht die Gruppe am Zugang. Aldric ist dabei und drei weitere Gardisten. Jeder trägt eine Fackel, Waffen und einen Beutel mit Kohlestücken zum Markieren. Nara hat zusätzlich den Runenstein in der Tasche, die Neugierde ist zu groß, als dass sie nicht direkt loslegen wollen würde.
Der Gardist hatte recht gehabt. Man sieht den Eingang erst, wenn man direkt davor steht. Sie befinden sich in einem schmalen Grünstreifen, der die Schlossruine vom Rest der Stadt trennt Jahrzehnte von wucherndem Grün haben sich über die Öffnung gelegt und eine natürliche Mulde geformt, in der man einen Hohlraum im Boden vermutet, aber keine Treppe. Aldric drückt die Äste zur Seite und die Steinstufen werden sichtbar, grau und ausgetreten, die in die Dunkelheit hinabführen.
Cerena zündet ihre Fackel an und geht als Erste. Das Licht tanzt über die Wände des engen Schachtes und wirft ihren Schatten lang und verzerrt nach unten. Nara folgt direkt hinter ihr. Die Stufen sind schmal und an manchen Stellen von feinem Staub bedeckt, der unter ihren Sohlen knirscht. Mit jeder Stufe nach unten verändert sich die Luft. Sie wird schwerer und abgestandener, wie in einem Raum, der seit Generationen nicht geöffnet wurde. Kein Wasser, keine Feuchtigkeit, alles trocken. Nur Staub und altes Gestein.
Am Fuß der Treppe öffnet sich ein Gang, gerade breit genug für zwei Personen nebeneinander. Die Decke ist niedrig und Aldric muss den Kopf einziehen. Die Steine an den Wänden sind grob behauen und zwischen den Fugen hat sich der Mörtel zu feinem Sand zersetzt.
Die Stille hier unten ist anders als die Stille der Stadt oben, als hätte die Welt über ihnen aufgehört zu existieren. Das Fackellicht reicht kaum weiter als ein paar Meter und dahinter wartet Dunkelheit, die so dicht ist, dass sie beinahe greifbar wirkt.
Die Gruppe bewegt sich langsam. Cerena vorne, Nara direkt hinter ihr, zwei Gardisten an den Flanken, Aldric sichert den Rückweg. Geräusche, die schwer zuzuordnen sind, hallen durch die Gänge und werden von den Wänden zurückgeworfen, bis man nicht mehr unterscheiden kann, was von vorne kommt und was von hinten. Das Echo der eigenen Schritte, das Knistern der Fackeln und manchmal ein fernes Schaben, das von überall und nirgends zu kommen scheint und bei dem jeder in der Gruppe unwillkürlich den Griff am Schwert fester umschließt.
Dann kommen sie zu einer Kreuzung. Die Gruppe wählt die erste Abzweigung, die nach links führt. Das Fackellicht fällt auf Wände, die nasser aussehen als sie sind, der Staub hat sich hier in Schichten abgelagert. Nach dreißig Metern ist Schluss. Der Gang endet in einer Wand aus eingestürztem Gestein, Brocken so groß wie Sack Mehl, fest ineinander verkeilt. Aldric markiert die Sackgasse mit einem Kohlestrich an der Wand, bevor sie die nächste Abzweigung wählen.
Die zweite Abzweigung führt nach rechts. Der Gang ist enger und die Decke noch niedriger. Aldric flüstert etwas Unfreundliches über die Körpergröße der ursprünglichen Erbauer. Nach fünfzig Metern das gleiche Ergebnis. Eingestürztes Gestein, kein Durchkommen.
Zurück an der Hauptkreuzung bleibt nur noch der dritte Gang, geradeaus. Cerena geht voran und Nara merkt, dass die Temperatur sinkt. Nicht gleichmäßig, sondern in Schüben, als würden sie sich Schicht für Schicht einem Ort nähern, der die Wärme aus der Luft zieht. Ihr Atem wird sichtbar, dünne Wölkchen, die im Fackellicht aufleuchten und sich sofort auflösen.
Nara sagt nichts. Die Kälte kriecht in ihre Finger, aber der Runenstein in ihrer Tasche strahlt eine leichte Wärme aus.
Dann ändert sich etwas. Der Gang wird breiter. Die Steine an den Wänden sind glatter und gleichmäßiger gesetzt als alles, was sie bisher gesehen haben. Die Fugen sind sauber, der Mörtel hat die Jahrhunderte überstanden und die Oberfläche der Steine ist so eben, dass das Fackellicht darüber gleitet wie über poliertem Marmor. Die Decke steigt an und Aldric kann zum ersten Mal seit der Treppe aufrecht gehen. Der Boden unter ihren Füßen ist aus einzelnen Platten gelegt, präzise und ohne Lücken.
“Das ist kein Kanal mehr”, sagt Cerena leise. Ihre Stimme hallt anders hier, gedämpfter, als würden die glatten Wände den Schall schlucken, statt ihn zurückzuwerfen.
Dieser Gang wurde nicht für Abwasser gebaut. Er wurde für Menschen gebaut. Nara denkt an das Schloss über ihnen, an die Türme und Mauern aus ihrem Traum, und fragt sich, wer von dort oben hierher hinuntergestiegen ist und warum.
Der Gang führt geradeaus, ohne Abzweigungen, und mit jedem Schritt wird die Kälte intensiver. Die Fackeln flackern stärker, als würde ihnen jemand langsam das Leben entziehen. Einer der Gardisten wechselt seine Fackel aus und die frische Flamme zuckt und kämpft gegen eine unsichtbare Strömung.
Dann endet der Gang.
Vor ihnen steht eine Tür. Massiv, aus dunklem Stein, glatt und ohne Fugen, als wäre sie aus einem einzigen Block gehauen worden. Kein sichtbarer Griff, kein Schloss, keine Angeln. Die Oberfläche ist makellos, als hätten die Jahrhunderte nicht gewagt, sie anzutasten. In der Mitte, auf Brusthöhe, befindet sich eine einzelne Vertiefung. Rund, glatt, mit scharfen Kanten.
Die Kälte hier ist fast körperlich spürbar. Naras Atem kommt als dünne Wölkchen aus ihrem Mund und das Fackellicht zittert, als hätte es Angst vor dem, was hinter der Tür liegt.
Nara tritt näher. Sie hebt die Hand und fährt mit dem Finger über den glatten Rand der Vertiefung. Der Stein ist eiskalt unter ihrer Fingerspitze, so kalt, dass es beinahe brennt. Hinter ihr stehen Cerena und die Gardisten und warten. Niemand sagt etwas. Die Stille ist so vollständig, dass Nara das Blut in ihren eigenen Ohren rauschen hört.
Aldric in der letzten Reihe wagt es als erstes zu sprechen.“Und jetzt, Hoheit? Kehren wir wieder um?” Ein ungutes Gefühl macht sich seit einiger Zeit in ihm breit, so sehr, dass es seinen Fluchtreflex auslöst.
Dann die Stimme. Leise, direkt, nah, als stünde jemand direkt hinter ihr.
“Dein Schwert.”
Nara greift an ihre Hüfte und zieht das Schwert aus der Scheide. Die Runen auf der Klinge leuchten blau auf, heller als sonst, heller als bei jedem Schleim und jedem Goblin, als würden sie auf etwas in der Nähe reagieren. Sie dreht das Schwert um und hält den Knauf vor die Vertiefung. Er passt genau, als wäre die Mulde für ihn gemacht worden. Sie drückt.
Ein leises Klicken, kaum hörbar, wie ein Schloss, das nach Jahrhunderten endlich den richtigen Schlüssel findet. Die Tür bewegt sich langsam und schwer, Millimeter für Millimeter, als würde sie sich gegen Jahrhunderte Stillstand stemmen. Kalte Luft strömt durch den wachsenden Spalt, noch kälter als der Gang, und mit ihr kommt ein Geruch nach altem Pergament und trockenem Staub.
Nara zieht das Schwert aus der Vertiefung und steckt es zurück in die Scheide.
Das Fackellicht fällt in den Raum dahinter und Nara sieht Umrisse. Regale an den Wänden, vage im flackernden Licht. Bücher und Schriftrollen, die in der Dunkelheit warten. Ein Tisch in der Mitte, mit aufgeschlagenen Folianten.
Auf dem Boden liegen sechs Gestalten. Regungslose Knochen und verrottete Kleidung, zusammengesunken an den Stellen, an denen sie vor langer Zeit gestorben sind. Manche lehnen an den Regalen, manche liegen flach, einer hat die Hand noch auf dem Schwert, das neben ihm auf dem Boden liegt, als hätte er im letzten Moment versucht, es zu ziehen.
Dann, so langsam, wie die Tür sich geöffnet hat, beginnen sie sich zu bewegen.
Finger, die sich in den Staub krallen. Köpfe, die sich ruckartig heben, als würde jemand an Fäden ziehen. Rümpfe, die sich aufrichten, einer nach dem anderen, mit einem Knirschen und Knacken. Dann stehen sechs Skelette im Fackellicht, die leeren Augenhöhlen auf die Gruppe gerichtet.
Cerena zieht das Schwert. Die vier Gardisten ebenfalls.
Kapitel 15 von 15
Kapitel 15 - hinab in den Untergrund
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Ich nutze aufgrund meiner kognitiven Dysfunktion infolge von ME/CFS KI-Assistenzwerkzeuge bei der Texterstellung. Die gesamte kreative Leistung, also Figuren, Handlung, Weltenbau, Dialoge und sämtliche Ideen, stammt vollständig von mir. KI wird ausschließlich als unterstützendes Hilfsmittel eingesetzt, um meine gesundheitlichen Einschränkungen zu überbrücken.
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