Aldric richtet sich als erster auf und zieht zwei versiegelte Briefe aus
seiner Jacke. “Hoheit, ich habe Nachrichten von Eurem Vater.” Er
übergibt ihr die Briefe und tritt einen Schritt zurück. “Wir haben uns
freiwillig gemeldet und die Verantwortung für die erste Lieferung
übernommen, damit Seine Majestät sich aus der Sache herausziehen kann.
Er hat uns selbst verbannt und dabei mit neuen Vorräten durchs Portal
geschickt.” Aldric nickt zu den Kisten und Rucksäcken hinter sich.
“Wie ist die Lage?”, fragt Nara und ihre Stimme klingt ruhiger, als
sie sich fühlt.
“Angespannt”, sagt Aldric. Sein Ton ist sachlich, aber Nara hört die
Anspannung darunter. “Die Kirche hat angekündigt, jeden zu verbannen,
der sich offen gegen sie stellt. Aber das scheint die Leute eher
anzustacheln als einzuschüchtern. Es brodelt in der Stadt, Hoheit und
ich weiß nicht wie lange der Deckel noch drauf bleibt”
Nara nickt. “Danke, Aldric. Steht auf, alle miteinander.”
Die Gardisten stehen auf. Nara hält die beiden Briefe in der Hand und
schaut die Gruppe ab. Zehn Männer, alle in Garderüstung, bewaffnet und
mit dem ruhigen, kontrollierten Blick von Leuten, die wissen, was sie
tun. Die Meisten scheinen Anfang zwanzig zu sein und wirken
hochmotiviert und diszipliniert und dahinter sieht Nara noch etwas
anderes: Neugier und Abenteuerlust. Die Art von Blick, die Leute haben,
die sich freiwillig für etwas melden, das alle anderen für Wahnsinn
halten.
Nara macht eine kurze Bestandsaufnahme. Vorräte für mehrere Wochen,
Werkzeug, Saatgut, medizinische Grundausstattung, Seile, Nägel, Decken,
mehr als Nara erwartet hat. Ihr Vater war dieses Mal gründlicher.
Die Briefe wandern wortlos in ihre Jackentasche.
Sie schaut die Gruppe an. Alle haben gerade ein Portal durchschritten
und stehen auf einem verlassenen Marktplatz in einer anderen Welt mit
einem halben Tag Zeitunterschied. Die Erschöpfung wird sie bald
einholen, aber das ist gefährlich.
“Folgt mir.”
Der Weg zur Kaserne ist kurz, keine 5 Minuten entfernt. Nara geht voran
und die Gruppe folgt ihr ohne Kommentar. Sie öffnet die Tür zur Kaserne
und tritt zur Seite. Staub, eingestürzte Etagenbetten, eine
durchgebrochene Tischplatte, Schutt vom Dach, aber die Grundstruktur ist
intakt, das hat Nara gestern erst markiert.
Nara lehnt sich an den Türrahmen und verschränkt die Arme.
“Bis zum Abend will ich die Kaserne benutzbar haben. Schutt und kaputte
Betten raus, alles was nicht mehr zu gebrauchen ist, auch raus, Boden
gefegt, die Waffenkammer leer geräumt. Das Material, das ihr mitgebracht
habt, liegt noch auf dem Marktplatz? Verstaut es hier und die
Nahrungsvorräte kommen in den Keller der Taverne.” Sie schaut zu
Aldric. “Teilt euch auf und geschlafen wird erst, wenn es dunkel ist.”
Aldric nickt sofort. “Verstanden, Hoheit.”
Nara dreht sich zu Cerena. “Du bist ab sofort Hauptmann der Stadtwache.
Sie unterstehen dir.”
Cerena öffnet kurz den Mund, schließt ihn aber wieder und nickt nur.
Die anderen nehmen es zur Kenntnis, wie eine logische Schlussfolgerung.
Cerena ist die Dienstälteste und die einzige Adelige unter ihnen. Die
Frage hat sich nie wirklich gestellt.
Ohne weitere Worte verlässt Nara die Kaserne. Als sie bereits um die
Ecke ist, hört sie hinter ihr die Gruppe anfangen zu reden. Aldric der
Aufgaben verteilt, jemand, der einen Witz macht. Das Geräusch von
Leuten, die ihren Job kennen.
Sie schreitet die Treppe empor, um auf die Mauer zu gelangen. Der Wind
weht schwächer als am Vormittag, aber Naras Haare fliegen trotzdem in
ihr Gesicht und sie streicht sie genervt zur Seite. Von hier oben sieht
die Stadt viel kleiner aus, übersichtlich und einfach, doch der Wald
steht am Horizont wie eine Wand.
Sie zieht den ersten Brief hervor und bricht das Siegel.
Ihr Vater schreibt dieses Mal recht kurz, aber zwischen den Zeilen spürt
sie die Anspannung. Er schreibt über die Gardisten, dass alle sich
freiwillig gemeldet haben und wussten, was sie erwartet. Als nächstes,
dass das Portal von der Kirche dauerhaft bewacht wird und dass es Wochen
dauern kann, bis wieder bestechliche Tempelritter gleichzeitig Dienst
haben. Dann, ganz am Ende stehen fünf einfache Worte: Ich verlasse mich
auf dich.
Nara starrt auf die Zeile. Fünf Worte, die ihr mehr Unbehagen bereiten
als der ganze Rest des Briefes zusammen.
Sie faltet den Brief zusammen und nimmt den zweiten. Das Siegel ist
dasselbe, die Handschrift auf dem Umschlag ebenfalls. Aber als sie ihn
entfaltet, runzelt sie die Stirn.
Buchstaben an Buchstaben gereiht. Eine ganze Seite voll, sauber
geschrieben in der Handschrift ihres Vaters, aber ohne erkennbare Worte,
ohne Muster, ohne System. Nara dreht das Blatt. Schaut es von der
anderen Seite an und hält es gegen das Licht. Es ist nichts zu finden.
Sie faltet den Brief sorgfältig zusammen. Ihr Vater hat es verschlüsselt
und sie weiß, dass er ihr keine unlösbare Aufgabe geben würde. Darauf
steckt sie den Brief wieder ein.
Nara lehnt sich an die Brüstung und lässt den Blick über die Stadt
wandern. Sie sieht nur noch die Probleme: Die Breschen, die vielen
unbrauchbaren Gebäude, einen Garten, der noch nichts trägt und einen
Brief, den sie nicht lesen kann.
Sie schaut auf den Wald und das übliche mulmige Gefühl macht sich in ihr
breit.
Dann hört sie Schritte auf den Steinstufen. Cerena kommt die Treppe hoch
und stellt sich neben sie und schaut mit ihr schweigend auf den Wald.
“Ihr habt mich befördert, um die Verantwortung loszuwerden.”
Nara antwortet nicht. Der Wind zerrt an ihren Haaren, doch sie schaut
stumpf auf den Wald.
“Die Gardisten haben sich freiwillig gemeldet”, sagt Cerena. Ihre
Stimme ist ruhig, ohne Vorwurf, aber auch ohne Umwege. “Sie wussten
genau, was sie riskieren. Sie haben sich nicht für Arthengard
entschieden, sie haben sich für dich entschieden.”
Für mich, denkt Nara. Für eine Frau, die gestern Nacht beinahe von einem
einfachen Goblin abgestochen worden wäre, weil sie alleine rausgelaufen
ist wie ein Idiot. Wirklich beeindruckende Wahl.
“Du hast drei Wochen alleine überlebt”, fährt Cerena fort. “Wasser
gefiltert, einen Garten angelegt, die Stadt erkundet.”
Überlebt. Das Wort passt. Nicht gelebt, überlebt. Sie hat mit einem
Schädel geredet, weil ihr sonst die Decke auf den Kopf gefallen wäre.
Sie hat Nächte wachgelegen und auf Geräusche gehorcht, die nicht da
waren. Das war kein Plan. Das war Panik mit viel Glück im Unglück.
Cerena sagt nichts mehr. Sie lässt die Stille eine Weile stehen und legt
ihr dann die Hand auf die Schulter. “Wir stehen voll und ganz hinter
dir. Egal was passiert!” Dann dreht sie sich um und geht die Treppe
hinunter, ohne ein weiteres Wort. Nara hört ihre Schritte auf den
Steinstufen, bis sie weg sind.
Nara lehnt an der Brüstung und schaut wieder auf den Waldrand. Ihre
Gedanken drehen sich im Kreis und kommen nirgendwo an. Die Kaserne ist
eine Straße weiter und darin arbeiten elf Menschen für sie.
“Es ist dein Erbe.”
Leise und direkt ins Ohr, wie das erste Mal auf dem Marktplatz.
Nara atmet aus und schließt kurz die Augen. “Jetzt bilde ich mir schon
wieder Stimmen ein.” Der Wind pfeift leise über die Brüstung. Die
blauen Punkte auf der Wiese hüpfen träge vor sich hin.
“Nein und ich werde dir helfen, dein Volk zu schützen.”
Nara dreht sich um. Die Mauer ist menschenleer.
Sie schließt die Augen, seufzt und murmelt, “Ach, verdammter Mist”