Der erste Goblin greift direkt an. Er ist schnell, viel schneller als
ein Schleim, und seine Klinge zischt auf Naras Bauch zu. Sie reißt das
Schwert hoch und fängt den Hieb ab, Metall schlägt auf Metall und der
Aufprall fährt ihr in den Arm. Der zweite Goblin flankt sie von rechts
und Nara weicht stolpernd aus. Die Klinge kratzt über ihr Leder und
verfehlt die Haut knapp.
Ihr Herz hämmert so laut, dass sie ihren eigenen Atem nicht hören kann.
Die Goblins bewegen sich koordiniert, der eine greift an, der andere
nutzt die Lücke. Nara pariert einen weiteren Hieb, aber ihre Haltung ist
falsch, der Griff zu verkrampft, die Füße zu eng beieinander. Sie weiß
es und kann es trotzdem nicht ändern. Der erste Goblin stößt erneut zu
und Nara schlägt die Klinge zur Seite, aber der Schwung dreht sie aus
dem Gleichgewicht. Ihr Fuß rutscht über nasses Pflaster und sie taumelt
rückwärts.
Ihr Rücken knallt auf die Bretter eines alten Marktstandrests und sie
geht zu Boden. Das Schwert rutscht ihr aus der Hand und klirrt über die
Steine. Sie greift danach, aber der erste Goblin steht bereits über ihr,
die gelben Augen weit aufgerissen und das Grinsen noch breiter als
zuvor. Er hebt den Dolch mit beiden Händen über den Kopf.
Dann fällt sein Kopf auf sie.
Es gibt kein Geräusch. Zumindest keines, das Nara wahrnimmt. Der Kopf
des Goblins trifft sie auf die Brust und rollt zur Seite, die gelben
Augen noch offen, das Grinsen noch im Gesicht. Warmes Blut schießt aus
dem Halsstumpf und ergießt sich über Naras Gesicht, ihren Hals, ihre
Kleidung. Der kopflose Körper steht noch einen Moment, dann kippt er zur
Seite. Hinter ihm steht Cerena, barfuß und in eine Decke gewickelt, das
Schwert in der rechten Hand. Sie dreht sich bereits zum zweiten Goblin,
der kreischend kehrt macht und in die Gasse flüchtet. Cerena setzt ihm
nicht nach.
Nara liegt auf dem Rücken und starrt in den Nachthimmel. Warmes Blut
läuft ihr in die Augen und sie blinzelt. Ihr Mund schmeckt nach Eisen.
Sie hört Cerenas Stimme, aber die Worte erreichen sie nicht. Alles wird
dumpf, dann dunkel.
Als Nara die Augen öffnet, liegt sie in ihrem Bett. Die rechte Seite
hängt wie immer durch. Es ist dunkel im Zimmer, nur ein schwacher Schein
fällt durch die Fensterläden. Sie dreht den Kopf.
Cerena sitzt auf einem Stuhl neben dem Bett, den Kopf auf die Brust
gesunken. Sie schläft. Ihre Arme sind um ihr Schwert geschlungen, als
wäre es ein Stofftier, die Hände um den Griff geschlossen. Ihre Haare
hängen ihr ins Gesicht und ihre Füße sind immer noch nackt.
Nara schaut sie an. Cerenas Atem geht langsam und gleichmäßig. Jemand
hat Nara das Blut vom Gesicht gewaschen und ihr Kleidung ausgezogen.
Ihre Hände sind sauber. Die Erinnerung an den Goblinkopf blitzt kurz auf
und sie drückt sie weg, bevor sie greifen kann.
Sie schließt die Augen. Cerena ist da. Das reicht. Sie schläft wieder
ein.
Sonnenlicht fällt durch die Ritzen der Fensterläden und zeichnet helle
Streifen auf den Boden. Nara blinzelt, reibt sich die Augen und setzt
sich auf. Ihr Körper ist steif und der Rücken schmerzt dort, wo sie auf
die Bretter gefallen ist. Der Stuhl neben dem Bett ist leer.
Sie steht auf, streckt sich vorsichtig und geht die knarrende Treppe
hinunter. Aus dem Hauptraum riecht es nach warmem Essen. Cerena steht am
Kamin, hat Naras Kessel aufgehängt und rührt mit einem Holzlöffel darin.
Sie hat ihre eigene Kleidung wieder an, gewaschen und getrocknet, wenn
auch immer noch etwas zerknittert. Ihr Schwert hängt an der Hüfte.
“Guten Morgen”, sagt Cerena, ohne sich umzudrehen.
Nara bleibt auf der untersten Treppenstufe stehen und schaut in den
Kessel. Kartoffelstücke in heißem Wasser mit Streifen von
Trockenfleisch.
“Cerena, wie viel hast du genommen?”
“Eine Kartoffel und eine Handvoll Fleisch.”
Nara geht zum Keller und schaut hinein. Die Vorräte, die vor einer Woche
noch knapp aber ausreichend waren, sehen jetzt bedenklich dünn aus. Sie
zählt die Kartoffeln. Elf. Das Trockenfleisch reicht vielleicht noch für
fünf Tage. Für zwei Personen.
“Cerena, wir haben ein Problem”, sagt sie und versucht die Panik aus
ihrer Stimme zu halten.
“Ich weiß.” Cerena dreht sich um und ihr Blick ist ruhig. “Ich werde
bei der erstbesten Gelegenheit jagen gehen. Gibt es in der Umgebung
Wild?”
“Ich habe von der Stadtmauer aus nichts gesehen. Aber ich war auch nie
draußen.”
“Dann werde ich mich umsehen. Wo ist der Bogen, den wir durchs Portal
geworfen haben?”
Nara nickt. “Im Keller, ganz hinten an der Wand.”
Cerena geht an ihr vorbei in den Keller. Nara hört sie in der Dunkelheit
kramen. Dann steht sie auf und geht nach draußen.
Der Morgen ist kühl und die Luft riecht frisch. Auf dem Marktplatz liegt
alles so, wie sie es in Erinnerung hat, inklusive der Goblinleichen. Die
eine kopflos, auf dem Rücken, die grüne Haut im Morgenlicht noch
abstoßender als in der Nacht. Die andere zusammengekrümmt, ein paar
Meter weiter. Cerena muss den zweiten doch noch erwischt haben.
Nara schluckt. Ihr Magen dreht sich und sie presst die Lippen zusammen.
Der Geruch ist süßlich und metallisch und er trifft sie wie eine Wand.
Sie atmet durch den Mund und zwingt sich, nicht wegzuschauen.
Dann sieht sie es. An der kopflosen Leiche, dort wo der Hals aufhört,
blinkt etwas zwischen dem dunklen Fleisch. Ein schwaches blaues
Leuchten. Nara tritt näher, beugt sich hinunter und erkennt es. Ein
Kristall, ähnlich wie die aus den Schleimen, nur etwas größer und das
Leuchten ist intensiver.
Sie zögert. Ihre Hand schwebt über der Leiche. Dann greift sie zu, fasst
den Kristall und zieht ihn heraus. Er löst sich mit einem feuchten
Geräusch, das ihr den Magen umdreht, und liegt warm in ihrer Hand.
Sie geht zur zweiten Leiche. Der Kristall sitzt tiefer, irgendwo im
Brustbereich. Sie zieht das Messer vom Oberschenkel und schneidet ihn
frei. Ihre Hände zittern dabei und sie beißt die Zähne zusammen, bis der
Kristall sich löst.
Zurück in der Taverne holt sie einen zweiten Korb vom Regal und stellt
ihn neben den ersten auf den Tresen. In den ersten Korb, ihren Korb mit
den sieben Schleimkristallen, legt sie nichts. Die beiden
Goblinkristalle legt sie in den neuen Korb. Sie schaut von einem Korb
zum anderen und weiß selbst nicht genau, warum sie sie getrennt hält. Es
fühlt sich richtig an.
Cerena kommt mit dem Bogen aus dem Keller. Er sieht brauchbar aus, wenn
auch etwas verstaubt. Sie prüft die Sehne, spannt sie probeweise und
nickt zufrieden.
Nara schaut ihr zu und sagt dann: “Cerena, gib mir Schwertunterricht.”
Cerena blickt auf. “Wie bitte?”
“Gestern Nacht wäre ich beinahe gestorben, weil ich nicht weiß, wie man
ein Schwert richtig hält. Ich brauche Unterricht.”
Cerena mustert sie einen Moment. Dann nickt sie. “Das lässt sich
einrichten.”
Nach dem Frühstück führt Nara Cerena die Treppe zur Stadtmauer hoch, den
selben Abschnitt, den sie gestern abgelaufen ist. Der Wind ist heute
schwächer, aber immer noch lästig genug, um Naras Haare in ihr Gesicht
zu wehen. Sie streicht sie zur Seite und lehnt sich an die Brüstung.
“Von hier sieht man am meisten”, sagt sie.
Cerena tritt neben sie und schaut über die Brüstung. Ihr Blick wandert
methodisch über das Panorama, von links nach rechts, wie jemand der eine
Karte liest. Die Stadt unter ihnen, die sich weiter erstreckt als Nara
in den ersten Tagen geahnt hat. Die Mauer, die sich in einem weiten
Bogen darum zieht. Die Breschen.
“Sieben Breschen sind es insgesamt, aber nur auf der Seite zum Wald”,
sagt Nara.“Die anderen Seiten sind noch intakt.”
Cerena nickt langsam und Nara sieht, wie sich ihr Kiefer anspannt.
“Kein Graben. Keine Palisaden. Keine Befestigung an den Durchbrüchen.”
Sie dreht sich und schaut über die Mauer nach draußen. Die Wiese, die
Schleimgruppen als blaue Punkte im Gras und dahinter die dunkle Wand des
Waldes.
“Was schätzt du, wie viele sind es?”, fragt Cerena und deutet auf die
Schleime.
“Es wechselt. Manchmal mehr, manchmal weniger. Einzelne kommen ab und
zu in die Stadt, aber die Gruppen draußen bleiben meistens auf der
Wiese.”
“Und der Wald?”
“Da war ich nicht. Und ich habe auch nicht vor, allein dort
hinzugehen.”
Cerena schweigt eine Weile. Ihr Blick haftet am Waldrand. Nara kennt
diesen Ausdruck. Cerena rechnet. Entfernungen, Sichtlinien,
Rückzugswege.
“Die Breschen sind das größte Problem”, sagt Cerena schließlich.
“Alles was von außen kommt, kann ungehindert in die Stadt. Die Goblins
gestern Nacht sind der Beweis dafür.”
“Ich weiß, aber das ist kein Problem das wir zu zweit lösen können. Mal
von der eigentlichen Arbeit abgesehen, fehlt uns auch das Wissen die
Mauer zu reparieren”
Sie stehen nebeneinander und schauen auf die Stadt. Die Dächer, die
Straßen, die Palmen zwischen den Gebäuden. Von hier oben sieht es fast
friedlich aus, wenn man die Breschen nicht sieht. Wenn man den Wald
nicht sieht.
Nara verschränkt die Arme auf der Brüstung und stützt das Kinn darauf.
“Cerena, ich will keine Prinzessin mehr sein.”
Cerena dreht den Kopf zu ihr.
“Ich meine es ernst”, sagt Nara leise. “Wenn weitere Menschen kommen,
werden sie jemanden erwarten, der weiß was er tut. Jemanden der
Entscheidungen trifft und Verantwortung übernimmt. Und ich kann das
nicht. Ich kann kaum ein Schwert halten. Ich weiß nicht, wie man eine
Stadt verteidigt. Ich weiß nicht, wie man Leute anführt. Ich war
siebzehn Jahre lang eine Prinzessin, die Bücher gelesen und die Kirche
geärgert hat” Sie atmet aus. “Das reicht nicht.”
Cerena schweigt eine Weile. Nara merkt, dass sie nach Worten sucht, und
dass ihr die richtigen nicht einfallen.
“Hoheit, ich verstehe Eure Bedenken”, beginnt Cerena und Nara hört,
wie sie sich bemüht, die richtigen Worte zu finden. “Aber die Menschen,
die kommen werden, kennen Euch. Sie kennen die Geschichten darüber, wie
Ihr die Kirche herausgefordert habt. Sie werden nicht zu einer perfekten
Anführerin kommen, sondern zu der Person, die den Mut hatte, dem
Kardinal zu trotzen.”
“Mut und Dummheit liegen nah beieinander.”
Cerena zögert. Dann sagt sie: “Es gibt einen Spruch, den ich in einem
Buch eines komischen, alten Zauberers gelesen habe. Er sagte: Es ist
eine merkwürdige Sache, aber vielleicht sind jene am besten für die
Macht geeignet, die sie niemals angestrebt haben. Jene, die die
Anführerschaft übernehmen, weil sie ihnen aufgezwungen wird, und zu
ihrer eigenen Überraschung feststellen, dass sie sie gut beherrschen.”
Nara sagt nichts darauf. Sie schaut wieder auf die Stadt unter ihr. Auf
die Dächer und Straßen und die Breschen in der Mauer. Auf die blauen
Punkte in der Wiese und den Wald am Horizont.
Als sie von der Mauer herunterkommen und den Weg zurück zum Marktplatz
einschlagen, bleibt Cerena abrupt stehen. Ihre Hand fährt zum
Schwertgriff. Nara folgt ihrem Blick und ihr Herz setzt einen Schlag
aus.
Auf dem Marktplatz, vor dem Portal, steht eine Gruppe von Menschen. Zehn
Personen in Reisekleidung, bewaffnet, mit Rucksäcken und Kisten um sich
herum. Das Portal flackert hinter ihnen und fällt gerade zurück in sein
gewohntes schwaches Leuchten.
Einer von ihnen dreht sich um. Ein junger Mann, vielleicht Anfang
zwanzig, mit kurzem blonden Haar und einem Schwert an der Hüfte. Sein
Blick fällt auf Cerena und er reißt die Augen auf.
“Cerena?”
“Aldric”, sagt Cerena neben ihr. Nara hört die Überraschung in ihrer
Stimme, auch wenn sie sie fast sofort wieder unter Kontrolle hat.
Aldric kommt näher, die Augen wandern von Cerena zu Nara und bleiben
dort hängen. Er erkennt sie. Nara sieht den Moment, in dem es bei ihm
einrastet, die dunklen Augen, die blasse Haut, das schwarze Haar. Er
geht in die Knie. Faust an die Brust.
“Euer Hoheit.”
Hinter ihm knien die anderen neun nieder, einer nach dem anderen, bis
alle zehn auf dem Marktplatz knien, das Gesicht zum Boden gesenkt. Die
Stille auf dem Platz ist absolut.
Nara steht da und rührt sich nicht. Zehn Leibgardisten knien vor ihr auf
dem Pflaster einer verlassenen Stadt in einer anderen Welt. Sie spürt
Cerenas Blick auf sich.
“Siehst du”, sagt Cerena leise.
Dann tritt sie vor und stellt sich zu den anderen. Sie zieht ihr
Schwert, stößt es vor sich in den Boden und verbeugt sich.
Nara steht allein.