Nara stürmt aus dem Rathaus.
Aus dem Portal fliegt ein Gegenstand nach dem anderen. Eine Axt
scheppert auf dem Pflaster, Säcke, Werkzeuge, Bündel und Kisten. Es hört
nicht auf.
Sie trifft eine schnelle Entscheidung und beginnt alles vom Portal
wegzuräumen, bevor es blockiert wird. Sie greift, was sie greifen kann
und schleppt es zur Seite. Das Portal spuckt weiter, sie gibt sich
größte Mühe, dass nichts lange das Portal blockiert.
Als es aufhört, steht sie in der Mitte des Marktplatzes, angelehnt an
eine Kiste und atmet schwer. Um sie herum liegt der halbe Marktplatz
voll. Säcke, Kisten, Körbe, einzelne Werkzeuge und mehr.
Sie atmet aus. “Na dann. Ich habe ja nichts weiter vor!”
Der erste schwere Sack mit Weizen lässt sie sofort die Zähne
zusammenbeißen. Sie schleift ihn rückwärts durch die Taverne, Stufe für
Stufe die Kellertreppe hinunter. Beim zweiten Sack brennen ihre Arme
bereits. Beim dritten macht sie eine unfreiwillige Pause, den Rücken
gegen die Hauswand gelehnt, Luft pfeifend durch die Zähne.
“Siebzehn Jahre als Prinzessin hinterlassen Spuren.” Ihr ohnehin schon
rotes Gesicht drückt perfekt ihren blanken Ärger über sich selbst aus.
“Du warst sehr vorausschauend, Nara. Ich brauche einen besseren Plan
als stumpfe Kraft. Prioritäten setzen.”
Spitzhacke, Schaufel, Hammer und noch mehr Werkzeug, alles einzeln und
schwer. “Gut, euch räume ich erstmal zur Seite”. Sie beginnt die
Werkzeuge einzeln aufzuheben und gegen die Tavernen Hauswand zu lehnen.
“Jetzt zu euch”, sie steht vor zwei großen Kisten, die Arme in die Hüfte
gestemmt. Sie öffnet die erste Kiste und findet allerhand Obst und
Gemüse. Sie nimmt sich einen Apfel heraus und beißt davon ab. Sie kaut
und überlegt. “Im Ganze bekomme ich euch nicht die Treppe runter.” Sie
öffnet die nächste Kiste und zum Vorschein kommen einige hastig
reingeworfene Bücher, eine kleine Ledertasche, zwei Wasserschläuche,
etwas längliches, in Leinen Gewickeltes und ein Brief mit königlichem
Siegel.“Wusste ich's doch!”, murmelt sie und stopft sich den Brief
schnell in die Tasche und nimmt dann eine großen Schluck aus dem
Wasserschlauch.
“Ok Plan: die Bücher und alles andere aus dieser Kiste, kann ich in der
Taverne auf den Tisch legen. Sobald die Kiste leer ist, kann ich sie
hoffentlich die Treppe heruntertragen, um dann den Inhalt der
Gemüsekiste stückweise umzulagern, ohne die ganze Kiste schleppen zu
müssen. Ja, so mache ich es. Ein Kinderspiel”
Sie schaut gen Himmel. “Und ich sollte mich beeilen.” Dunkle Wolken
ziehen am Horizont auf und die Temperatur ist sichtlich gefallen.
Als der letzte Sack mit Zwiebeln im Keller verstaut ist, sitzt sie auf
der obersten Treppenstufe, die Arme taub, die Beine zitternd. Draußen
gehen die ersten Tropfen nieder. Sie seufzt, als ihr die Werkzeuge
einfallen, die draußen gegen die Hauswand gelehnt stehen.
Stumm steht sie auf und beginnt die Werkzeuge in die Taverne zu räumen.
Nach getaner Arbeit sackt sie auf einem Stuhl zusammen, die Gliedmaßen
schwer wie Blei. Dann fällt ihr der Brief ein. Sie holt ihn aus ihrer
Tasche und beginnt ihn zu lesen.
Meine Tochter,
vergib mir. Das Veto war das Äußerste was ich tun konnte und es hat
nicht gereicht. Die Schuld dafür trage ich allein.Ich habe dir geschickt, was ich in der Kürze der Zeit zusammenstellen
konnte. Mehr wird folgen sobald es mir möglich ist. Ich kann dir
jedoch nicht sagen wann. Bleib weiterhin solange du kannst in der Nähe
des Portals. Sollte dir das nicht möglich sein, versuche einmal im
Monat zum Portal zurückzukehren und gebe einen Hinweis, wo du
hingegangen bist.Unter den Büchern findest du alles was ich über Arthengard auftreiben
konnte. Niemand weiß wirklich was dich dort erwartet, bei der großen
Flucht ist vieles verloren gegangen. Nimm dich in Acht.Das Schwert ist ein Erbstück unserer Familie und staubt seit
Generationen in der Schatzkammer ein. Es ist in deinen Händen besser
aufgehoben, auch wenn ich hoffe, dass du es nicht benutzen musst.Deine Geste beim Portalübergang hat den Kardinal übrigens in Rage
versetzt und das Volk in Aufruhr versetzt. Ich weiß noch nicht, welche
Konsequenzen das haben wird, aber ich werde alles geben, um das Volk
zu schützen.Gib die Hoffnung nicht auf.
In Liebe, dein Vater
Sie löst die Leinenwicklung vollständig und legt das Schwert vor sich
auf den Tisch.
Es ist ein Kurzschwert. Die Scheide aus schwarzem Ebenholz, so dunkel,
dass es fast unnatürlich wirkt, mit roten Verzierungen, die sich wie
Ranken von der Spitze bis zum Griffstück winden. Sie dreht die Scheide
in den Händen. Kein Riss, keine Abnutzung und nicht einmal ein Kratzer.
Als hätte es jemand erst gestern aus der Werkstatt abgeholt.
Ein kaum wahrnehmbares aber angenehmes Gefühl geht von dem Schwert aus.
Sie zieht das Schwert aus der Scheide. Die Klinge ist genauso makellos
wie die Scheide, das Metall dunkel mit einem schwachen Glanz. Keine
Kerben, keine Flecken. Die Schneide ist scharf, das merkt sie, als sie
vorsichtig den Daumen dagegen hält. Entlang der flachen Seite der Klinge
ziehen sich Runen, fein graviert und gleichmäßig, vom Griffansatz bis
fast zur Spitze. Sie fährt mit dem Finger darüber. Die Gravuren sind
sehr fein gefertigt.
Dann bemerkt sie es. Die Runen leuchten schwach blau.
Sie hält die Klinge ins Licht. Kein Zweifel, ein gedämpftes, ruhiges
Blau entspringt den Runen. Sie legt die Scheide um die Hüfte und steckt
das Schwert ein.
Erschrocken fasst sie sich in den Nacken, ihr läuft es eiskalt den
Rücken herunter. Als sie ihre Hand betrachtet, merkt sie, dass sie nass
ist. Sie schaut nach oben und ein weiterer Tropfen fällt ihr direkt ins
Gesicht. Dann noch ein Tropfen. Stöhnend erhebt sie sich von ihrem Stuhl
und findet hinterm Tresen drei Fässer, die noch dicht scheinen.
Nara schaut sich um, das Dach scheint nur zwei undichte Stellen zu
haben. “Gut, dann stelle ich das letzte Fass nach draußen, das löst
hoffentlich auch mein Trinkwasserproblem” Nach getaner Arbeit, sucht sie
in ihrem neuen Lederbeutel nach Feuerstahl und Zunder. “Perfekt, jetzt
brauche ich nur noch etwas Feuerholz”, was auch schnell gefunden ist.
Zwei kaputte Stühle und ein Tisch müssen dafür dran glauben, aber nach
einer halben Stunde ist ein kleines Feuer im Kamin entfacht und ein
kleines Nachtlager vorbereitet. Der Regen hat mittlerweile volle Fahrt
aufgenommen Nara schnappt sich das oberste Buch vom Stapel und macht es
sich vor dem Kamin gemütlich. Sie schlägt es auf.
Chronik des Hauses Arthengard, Band III.
Sie blättert durch die ersten Seiten. Geburtsdaten, Heiratsdaten,
Hoffeste. Eine seitenlange Lobpreisung eines Fürsten, dessen Name sie
bereits nach zwei Sätzen wieder vergessen hat.
“Fesselnd”, murmelt sie.
Sie blättert weiter. Eine detaillierte Beschreibung eines
Erntedankfestes. Dann ein diplomatischer Empfang. Dann eine Auflistung
der Speisen, die dabei serviert wurden.
Ihre Augen werden schwer. Das Buch gleitet aus ihren Händen und fällt
sanft auf den Boden.
Ein Donner reißt sie aus dem Schlaf.
Sie fährt hoch, das Herz hämmert. Das Feuer ist heruntergebrannt, nur
noch Glut. Draußen peitscht Regen gegen die Fensterläden und ein
weiterer Donner rollt über die Stadt. Sie steht auf, tritt ans Fenster
und lugt durch einen Spalt nach draußen. Der Marktplatz steht unter
Wasser. Sie lehnt die Stirn gegen das Holz.
“Na super.”