Kapitel 2 von 5

Kapitel 2 - Die Rache

IssacDJacks27. März 2026

Die Nacht verläuft nicht besser als der Tag. Nara liegt stundenlang wach
und findet keine Ruhe. Alles fühlt sich so fremd an. Was erwartet sie?
Sind die Geschichten wahr? Wie findet sie etwas zu essen? Die Fragen
kreisen und kreisen und führen nirgendwo hin, außer zu neuen Frage.
Durch die Fensterläden fällt ein schmaler Streifen Mondlicht auf den
Boden. Sie dreht sich auf die Seite, dann auf die andere. Das Kissen ist
zu warm und die Stille ist zu laut. Doch dann holt sich ihr Körper das,
was er braucht und sie fällt in einen unruhigen Schlaf.

Plötzlich steht sie in einer gefliesten Küche. Die weißen Fliesen sind
kalt unter ihren nackten Füßen und das Licht der Deckenlampe flackert
leicht. Sie kennt diese Küche. Jede Schublade, jeden Kratzer auf der
Arbeitsplatte, den Riss in der dritten Fliese von links. Sie ist wieder
die siebzehnjährige Julia und ihr Handy vibriert auf der Arbeitsplatte.
Das Display leuchtet auf, eine unbekannte Nummer. Das billige Klapphandy
schiebt sich mit jeder Vibration ein Stück über die Fliesen und das
Summen hallt durch die leere Wohnung. Sie greift zitternd danach und
klappt es auf, denn sie weiß genau was jetzt passieren wird. Gleich wird
sie erfahren, dass ihre Eltern bei einem Autounfall gestorben sind. Sie
will auflegen, das Handy zuklappen und auf die Arbeitsplatte
zurücklegen, irgendetwas anderes tun. Aber ihre Hand gehorcht ihr nicht
und drückt das Handy ans Ohr. Sie hört das Atmen am anderen Ende, die
kurze Pause, die zu lange dauert, und dann die Stimme des Polizisten,
der nach ihrem Namen fragt. Sie will schreien, aber kein Ton kommt über
ihre Lippen.

Doch die Welt verschwimmt um sie herum und sie steht hinterm
Tankstellentresen. Neonlicht summt über ihr. Der Geruch von Kaffee, der
zu lange auf der Wärmeplatte stand, und von dem Reinigungsmittel, das
sie nie ganz aus den Fugen zwischen den Bodenfliesen bekommen hat. Ein
Mann steht vor ihr, das Gesicht rot, die Augen zusammengekniffen. “Ich
trage keine Maske und ich lasse mich weder von dir, noch von der
Regierung dazu zwingen.” Seine Spucke landet auf der Plexiglasscheibe
zwischen ihnen. Hinter ihm steht eine Frau mit zwei Kindern, die
wegsieht. Julia starrt den Mann an. Sie könnte etwas sagen doch sie sagt
nichts. Ihr Körper tut schon seit Tagen weh und sie hat nicht die Kraft
für einen weiteren Streit mit einem weiteren Kunden. Sie scannt seine
Artikel und legt das Wechselgeld auf den Tresen, weil sie seine Hand
nicht berühren will.

Die Welt verschwimmt wieder und sie liegt im Bett, schwitzend und
hustend. Ihr tut alles weh. Das Atmen brennt und jedes Mal wenn sie
hustet, fühlt es sich an, als würde jemand ihr Brustbein
zusammendrücken. Sie dreht sich auf die Seite und das Bettlaken klebt an
ihrer Haut. Auf dem Nachttisch steht ein Glas Wasser, aber der Weg
dorthin fühlt sich an unerreichbar an.

Plötzlich ist es Jahre später, aber sie liegt immer noch im Bett. Das
Zimmer ist abgedunkelt, die Vorhänge zugezogen und das einzige Licht
kommt vom Display ihres Handys, das stumm auf der Matratze neben ihr
liegt. Wie immer keine neuen Nachrichten. Das Zimmer riecht nach
abgestandener Luft und nach dem Essen, das sie gestern nicht geschafft
hat aufzuessen. Draußen ist eine Sirene zu hören. Die Schmerzen werden
mit jedem Aufheulen der Sirene stärker, als würde das Geräusch direkt in
ihre Knochen fahren. Ihre Arme sind zu schwer, um sie zu heben. Ihre
Beine sind zu schwer, um aufzustehen. Selbst ihre Augenlider sind zu
schwer. Sie liegt da und wartet darauf, dass die Sirene endlich aufhört.
Aber sie hört nicht auf. Sie wird lauter und der Schmerz pulsiert im
Gleichtakt. Dann ist es totenstill und es wird dunkel.

Und dann lässt es nach. Die Schwere in ihren Gliedern, der Schmerz in
ihren Muskeln, das dumpfe Pochen hinter ihren Schläfen. Es löst sich
auf, als hätte es nie existiert. Zum ersten Mal seit Jahren tut nichts
mehr weh. Sie atmet ein und die Luft fließt mühelos, tief und klar, als
hätte sie vergessen, wie sich echtes Atmen anfühlt. Eine Wärme breitet
sich aus, sanft und gleichmäßig. Sie will lachen und weinen
gleichzeitig, aber stattdessen lässt sie einfach los.

Es ist Nacht und sie fliegt. Unter ihr erstreckt sich eine weite
Landschaft im Mondlicht. Stadtmauern, voller Breschen, die Steine an den
Rändern geschmolzen und geschwärzt. Gebäude brennen, aber sie hört das
Knistern des Feuers nicht. Stattdessen Vogelgezwitscher, hell und klar,
als säße ein ganzer Chor in unsichtbaren Baumkronen. Sie fliegt tiefer.
Türme ragen zerbrochen in den Nachthimmel und Straßen liegen voller
Schutt und Asche. Doch aus den Trümmern weht eine sanfte Brise, die nach
Gras und feuchter Erde riecht, nach Frühling und nicht nach Feuer. Ein
Marktplatz, die Stände umgestürzt und zerschlagen, Skelette liegen
zwischen den Trümmern. Aber irgendwo in der Ferne plätschert Wasser über
Steine, ruhig und gleichmäßig, wie ein Bach, der nie aufgehört hat zu
fließen.

Dann aus dem Nichts, eine Stimme. Warm und ruhig, als hätte sie alle
Zeit der Welt.

“Ich erwarte dich.”

Sie schreckt hoch und schaut aus dem Fenster. Es dämmert langsam und der
Himmel färbt sich rot.

Nara wäscht sich das Gesicht mit dem kalten Wasser aus der Karaffe auf
ihrem Nachttisch. Ihre Augen sind geschwollen, und im Spiegel sieht sie
blass und müde aus. Sie betrachtet sich einen Moment. Siebzehn Jahre hat
sie dieses Gesicht getragen. Helle Haut, die im frühen Morgenlicht fast
durchscheinend wirkt, feine blaue Äderchen an den Schläfen. Ihre Haare
fallen ihr schwarz und schwer über die Schultern, so dunkel, dass sie im
Spiegel mit den Schatten hinter ihr verschwimmen. Die Augen hat sie von
ihrem Vater, dunkelbraun, beinahe schwarz, unter den geschwollenen
Lidern heute noch dunkler als sonst, dazu die hohen Wangenknochen von
ihrer Mutter.

“Guten Morgen, Ketzerin”, murmelt sie ihrem Spiegelbild zu. “Bereit
für den schlechtesten Tag deines zweiten Lebens?” Sie dreht sich vom
Spiegel weg und schaut auf das unberührte Tablett. Der Tee von gestern
und das kalte Essen. Ihr Magen knurrt, aber der Gedanke an Essen dreht
ihn sofort wieder um.

Sie geht zum Fenster und öffnet die Fensterläden einen Spalt. Auf dem
Schlossvorplatz sind bereits Gestalten zu sehen, die sich im ersten
Morgenlicht bewegen. Priester in weißen Gewändern, Tempelritter, die
Absperrungen errichten. Sie bereiten alles für ihre Verbannung vor. Nara
schließt die Fensterläden wieder und lehnt sich mit dem Rücken dagegen.

Was liegt auf der anderen Seite? Dämonen und Monster, wenn man der
Kirche glaubt. Aber die Kirche hat auch behauptet, sie hätte Hochverrat
begangen. Die Träume der letzten Nacht kommen ihr in den Sinn. Die
brennenden Ruinen, die Stille, die Bäume zwischen den Trümmern. Und die
Stimme. Wenn die Geschichten wahr sind und Arthengard eine Welt voller
Tod ist, warum hat sie dann Vogelgezwitscher gehört?

Dreißig Minuten später klopft es an der Tür. Zwei Mägde treten ein. Sie
tragen ein Kleid über den Armen, schwarz mit blutroten Borten an den
Säumen und am Kragen. Die ältere der Mägde räuspert sich. “Auf
Anweisung des Kardinals, Hoheit. Er lässt ausrichten, ihr sollt
standesgemäß gekleidet sein.”

“Legt es auf das Bett”, sagt Nara ruhig.

Die Mägde tauschen einen Blick. Nara geht zu ihrem Kleiderschrank und
zieht ein weißes Kleid hervor. Schlicht im Vergleich zu dem schwarzen,
aber pompös genug, mit Spitze am Kragen und Schleifen, die sie
eigentlich verabscheut.

“Ich nehme dieses hier”, sagt sie.

Die jüngere der Mägde öffnet den Mund, schaut zum schwarzen Kleid auf
dem Bett, dann zurück zu Nara. Die ältere nickt nur und beginnt das
weiße Kleid aufzufalten. Die Mägde helfen ihr schweigend hinein. Die
letzte Schnürung sitzt straff und Nara atmet ein, oder versucht es
zumindest. Das Kleid drückt überall, um die Rippen, um die Taille, und
jeder Atemzug fühlt sich an, als müsste sie ihn gegen den Stoff
erkämpfen.

Dann kommen die Tempelritter und legen ihr schwere Handschellen an. Das
Metall ist kalt an ihren Handgelenken. Sie spürt es kaum.

Der Schlossvorplatz von New Haven ist an diesem Morgen kaum
wiederzuerkennen. Der weitläufige Platz, dessen Kopfsteinpflaster sonst
von Schaulustigen bevölkert wird, ist wie leergefegt. Zwei geschwungene
Kolonnaden rahmen ihn ein, ihre Säulen reihen sich wie Wächter
aneinander und werfen lange Schatten über das Pflaster. Dahinter drängen
sich die Menschen, so weit das Auge reicht. An jedem Durchgang stehen
Tempelritter, Schulter an Schulter, die Lanzen quer vor die Brust
gehalten. Der Morgen riecht nach kaltem Stein und Weihrauch, der Atem
hängt in kleinen Wölkchen in der Winterluft.

In der Mitte des Platzes haben sich sieben Priester in einem weiten
Halbkreis aufgestellt. Ihre weißen Gewänder leuchten im frühen
Morgenlicht und kontrastieren mit dem grauen Pflaster unter ihren Füßen.
Sie murmeln im Gleichklang, die Augen geschlossen, die Hände erhoben.
Vor ihnen flimmert die Luft leicht, kaum wahrnehmbar, als würde die Welt
an dieser Stelle nicht ganz stimmen.

Nara wird die Schlosstreppe hinuntergeführt. Jede Stufe hallt unter
ihren Schuhen und das weiße Kleid schleift über den Stein. Die
Handschellen klirren bei jedem Schritt. Sie schaut geradeaus. Nicht nach
links, nicht nach rechts, wo Kirchenmänner ihre Genugtuung kaum
verbergen können. Sie denkt an das Vogelgezwitscher aus ihrem Traum und
an die Stimme, die gesagt hat, dass sie erwartet wird. Von wem und warum
auch immer. Es ist besser als nichts.

Dann ist ein ohrenbetäubendes Reißen zu hören und inmitten der Priester
öffnet sich ein blau strahlendes Portal. In der Mitte konzentriert sich
absolute Dunkelheit. Dunkler als die schwärzeste Nacht und genauso
unheimlich. Die Menge keucht auf und mehrere Menschen weichen zurück,
obwohl sie weit genug entfernt stehen. Das Portal flackert leicht an den
Rändern, aber es gibt keinen Ton von sich. Kein Summen, kein Knistern,
kein Rauschen. Als wäre es einfach da, als hätte es schon immer dort
gestanden. Einer der Priester taumelt und wird von seinem Nachbarn
gestützt.

Der Kardinal steht höchstpersönlich mit einem frechen Lächeln neben dem
Portal. Als sie dort ankommen, beginnt ein Kirchendiener nochmals die
Anklage und das Urteil zu verlesen. Nara hört nicht zu. Sie betrachtet
die Dunkelheit in der Mitte des Portals und fragt sich, ob es wehtun
wird. Ob es überhaupt etwas gibt, das auf der anderen Seite auf sie
wartet, oder ob sie einfach in die Dunkelheit tritt und dann nichts mehr
kommt. Dann werden ihr die Handschellen abgenommen. Sie reibt sich kurz
die Handgelenke.

Der Kardinal beugt sich zu ihr und flüstert: “Endlich wirst du
vorlautes Balg in deine Schranken verwiesen.”

Nara schaut ihn an. Sein Atem riecht nach Wein und seine Augen glänzen
vor Zufriedenheit. Sie könnte etwas sagen. Etwas Kluges, etwas Scharfes,
etwas das ihm das Grinsen aus dem Gesicht wischen würde, aber er ist es
nicht wert. In ein paar Minuten wird er auf dieser Seite des Portals
stehen und sie auf der anderen. Das reicht ihr.

Noch bevor der Diener den ersten Absatz beenden konnte, richtet Nara
sich in Richtung des Volkes. Tausende Gesichter, manche wütend, manche
weinend, manche einfach nur stumm. Sie hebt die Hand, salutiert salopp
und ruft: “Wir sehen uns!”

Der Kardinal macht einen Schritt auf sie zu, aber Nara dreht sich
bereits um. Sie atmet ein letztes Mal die kalte Winterluft von New
Haven. Dann tritt sie durch und die Welt verschwindet.

Transparenzhinweis

Ich nutze aufgrund meiner kognitiven Dysfunktion infolge von ME/CFS KI-Assistenzwerkzeuge bei der Texterstellung. Die gesamte kreative Leistung, also Figuren, Handlung, Weltenbau, Dialoge und sämtliche Ideen, stammt vollständig von mir. KI wird ausschließlich als unterstützendes Hilfsmittel eingesetzt, um meine gesundheitlichen Einschränkungen zu überbrücken.