Kapitel 1 von 5

Kapitel 1 - Der Schlüssel

IssacDJacks27. März 2026

Es ist der 7. Februar. Die Kathedrale von New Haven ist bis auf den
letzten Platz gefüllt und der Geruch von Weihrauch liegt schwer in der
Luft. Heute steht eine Gerichtsverhandlung an. Ein Lichtstrahl blendet
Nara durch die imposanten Buntglasfenster, welche die glorreiche Flucht
von Arthengard zeigen. Die Rettung der Menschheit, welche nur dank der
Kirche gelungen ist, aufgearbeitet in 8 riesigen Glasmalereien. Nara
erinnert sich nur zu gut daran, diese Geschichte hunderte Male im
Geschichtsunterricht ertragen zu haben. Eigentlich sollte man dazu eher
Religionsunterricht sagen. Vor Generationen entbrannte ein
unerbittlicher Kampf um die Welt Arthengard, den letztlich die Dämonen
und Monster für sich entschieden haben. Am Ende blieb der Menschheit
nichts anderes übrig, als mit einem magischen Portal auf eine andere
Welt zu flüchten und ihre Heimwelt hinter sich zu lassen. Seit diesem
Tage ist die königliche Familie entmachtet und die Geistlichen haben
geschickt die Macht übernommen und bestimmen mit ihrer Doktrin das
tägliche Leben der Menschen.

Vom eigentlichen Prozess bekommt Nara nicht viel mit. Ihre Gedanken
kreisen. Sie, Prinzessin Nara von Runenberg, dritte Tochter des Königs
von New Haven, angeklagt wegen Hochverrat und Ketzerei. Was für eine
Farce, doch was will man schon von einer theokratischen Gesellschaft
erwarten? Sie konnte noch nie etwas mit Kirche und Religion anfangen und
dann wurde sie in einer Welt wiedergeboren, die voll von Ihnen ist. Sie
muss schmunzeln. Von außen betrachtet entbehrt ihre Situation nicht
einer gewissen Ironie. Mit 30 Jahren erkrankt sie an ME/CFS, lebt
jahrelang ein Leben, in dem sie an ihr Bett gefesselt ist, nur um dann
einsam an Herzversagen zu sterben und in einem weiteren Käfig
wiedergeboren zu werden. Zugegeben, diesmal wenigstens ein goldener
Käfig, aber dennoch ein Käfig.

Der Weihrauch brennt in ihrer Nase. Jemand hustet irgendwo hinter ihr
und das Geräusch hallt durch die Kathedrale. Die Bänke knarzen, ein
leises Scharren und Rascheln, das nie ganz aufhört. Nara fixiert eine
der Glasmalereien. Die siebte von links zeigt einen Priester, der
heldenhaft vor einem Portal steht und die Massen hindurchführt. Sein
Gesicht strahlt in Gold und Weiß.

Dann wird sie aus ihren Gedanken gerissen. “Ja, Ihre Königliche Hoheit,
Prinzessin Nara hat die Wahrheit über die glorreiche Flucht von
Arthengard angezweifelt.” Ihr Verteidiger steht vor dem Richter und
gestikuliert heftig. Dann deutet er auf Nara. “Aber seien wir doch mal
ehrlich, sie ist nur eine Frau. Das deutet auf mangelnde Bildung und
eine schlechte Erziehung hin, nicht auf die Absicht, das Land und die
Kirche zu verraten.” Nara krallt sich an ihrem Stuhl fest, bis ihre
Knöchel weiß hervortreten. Ihr Verteidiger ist offenkundig von der
Kirche bestochen worden. Wie gerne würde sie jetzt ihre Meinung kund
tun, doch als Frau ist es ihr untersagt, vor Gericht zu sprechen. “Ich
plädiere daher auf Nachsicht bei der Urteilsfindung.”

Sie versucht verzweifelt, den Blickkontakt zu ihrem Vater zu finden, der
auf einem Thron hinter dem Richter sitzt. Dieser schaut jedoch nur mit
leerem Blick in die Menge. Seine Hände liegen reglos auf den Armlehnen.
Soll es das jetzt nach 17 Jahren in ihrem neuen Leben schon wieder
gewesen sein?

Der Richter erhebt sich und beginnt das Urteil zu verkünden: “Im Namen
Gottes ergeht folgendes Urteil: Die Angeklagte Prinzessin Nara von
Runenberg wird für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Es ist
offenkundig, dass die Angeklagte im vollen Bewusstsein.…”

Den Rest nimmt Nara nicht mehr wahr. Sämtliche Geräusche der Kathedrale
verschwimmen zu einem einheitlichen Rauschen. Sie sieht den Mund des
Richters sich bewegen, sieht die Gesichter in der Menge, sieht Hände,
die sich vor Münder legen. Aber alles ist weit weg, als würde sie es
durch eine Glasscheibe beobachten. Ihre eigenen Hände liegen auf ihrem
Schoß, doch sie spürt sie kaum. Zum Tode verurteilt. Die Worte hängen in
ihrem Kopf und wiederholen sich, ohne dass sie greifen können. Das Holz
des Stuhls drückt unangenehm gegen ihre Wirbelsäule. Der Weihrauch ist
plötzlich so süß, dass ihr schlecht wird.

Sie ist in eine Falle getappt. Ist das jetzt die Quittung für ihre
Spitzen gegen die Kirche? Zugegeben hat sie nie eine Möglichkeit
ausgelassen, Kirchenvertreter vorzuführen oder bloßzustellen. Aber sie
hat niemals die eine Linie übertreten, welche sich angreifbar gemacht
hätte. Auch hat sie niemals öffentlich daran gezweifelt, dass die
Geschichte mit der Flucht wahr ist. Sie hat die Macht der Kirche
scheinbar unterschätzt oder besser gesagt ihre Skrupellosigkeit.

Die Sekunden dehnen sich. Nara starrt auf ihre Hände und wartet darauf,
dass irgendetwas passiert. Dass sie aufwacht. Dass jemand lacht und
sagt, es sei ein Scherz gewesen. Dass ihr Herz aufhört, so laut in ihren
Ohren zu hämmern.

Dann steht der König auf.

Es geschieht langsam. Zuerst das Knarzen des Throns, dann das Rascheln
seines Umhangs. Hunderte Menschen halten den Atem an. Stühle knarren,
als sich alle Anwesenden hinknien, einer nach dem anderen, wie eine
Welle, die durch die Reihen rollt.

“Wir, Edward von Runenberg, König von Gottes Gnaden, erklären hiermit
unser Veto und ändern das Urteil auf lebenslange Verbannung aus der
Stadt.”

Seine Stimme hallt durch die Kathedrale. Fest und königlich, so wie Nara
sie von unzähligen Ansprachen und Festen kennt. Aber seine Hände zittern
leicht und das hat sie noch nie gesehen.

Das Gesicht des Richters wird rot und man kann seine Wut förmlich
spüren. Die Sekunden ziehen sich zäh dahin und eine gewisse
Erleichterung macht sich in Nara breit. Ihre Finger lösen sich langsam
vom Stuhl. Sie atmet aus und merkt erst jetzt, dass sie die Luft
angehalten hat.

Dann erhebt sich der Richter, grinst und spricht ruhig: “Wie ihr
wünscht, euer Gnaden.” Er richtet sich an das Volk. “In Gottes Namen
wird die Strafe gemildert und Prinzessin Nara wird verbannt. Am morgigen
Tag wird ein Portal nach Arthengard geöffnet und das Urteil
vollstreckt.”

Er schlägt mit seinem Hammer aufs Podest und verschwindet sofort.

Naras Erleichterung stirbt so schnell wie sie gekommen ist. Sie kennt
die Geschichten von Arthengard. Jedes Kind in New Haven kennt sie. Eine
Welt voller Dämonen und Monster, aus der die Menschheit fliehen musste,
weil sie verloren hatte. Die Verbannung dorthin ist kein milderes
Urteil. Es ist dasselbe Urteil in hübscherer Verpackung.

Die Augen des Königs weiten sich und er sackt in seinen Thron zusammen.

Irgendwo um sie herum wird es laut. Viele Stimmen hallen durch die
Kathedrale, aber die Worte verschwimmen zu einem dumpfen Rauschen. Nur
die Hände der Tempelritter, die sie packen und fortziehen, merkt sie.
Ihre Füße bewegen sich, aber sie kann sich nicht erinnern, aufgestanden
zu sein. Ein Schritt nach dem anderen. Durch den Mittelgang, vorbei an
den Bänken. Gesichter drehen sich zu ihr, Münder bewegen sich, aber die
Worte erreichen sie nicht. Ein alter Mann schüttelt den Kopf. Ein Kind
starrt sie mit großen Augen an. Dann ist sie durch das Kirchenportal und
die kalte Februarluft trifft sie wie eine Ohrfeige.

Eine ganze Kompanie Tempelritter umringt sie. Ihre Schritte hallen
gleichmäßig auf dem Kopfsteinpflaster und die Laternen werfen zuckende
Schatten über ihre Rüstungen. Der Weg vom Gericht zum Schloss ist nicht
weit, einmal über den Schlossplatz, aber er zieht sich wie eine
Ewigkeit. Links und rechts säumen Menschen den Weg. Manche rufen etwas,
manche stehen einfach nur da. Nara hört nichts davon. Sie setzt einen
Fuß vor den anderen und konzentriert sich auf das Geräusch ihrer eigenen
Schritte auf dem Pflaster. Einfach weitergehen.

Als sie ihre Gemächer erreicht, schließt der Tempelritter die Tür hinter
ihr und sie steht allein im Raum. Das Feuer im Kamin knistert leise.
Alles sieht aus wie immer. Ihre Bücher auf dem Schreibtisch, der halb
getrunkene Tee vom Morgen, das Kissen, das sie immer gegen die
Rückenlehne des Sessels klemmt. Als wäre nichts passiert. Als würde sie
morgen einfach aufstehen und frühstücken wie jeden Tag.

Sie steht eine Weile einfach nur da. Dann setzt sie sich auf den Sessel,
steht wieder auf, geht zum Fenster, dreht um, setzt sich aufs Bett.
Steht wieder auf. Ihre Hände wissen nicht wohin und ihre Gedanken auch
nicht. Irgendwann bleibt sie auf der Fensterbank sitzen, die Knie
angezogen, die Stirn gegen das kalte Glas gelehnt. Draußen geht die
Sonne unter und die Laternen auf den Straßen werden eine nach der
anderen entzündet.

Die Sterne funkeln über der Stadt. Irgendwo da draußen liegt Arthengard.
Eine Welt voller Tod und Verderben."

“Komm schon Nara, du hast dich doch mit unzähligen Isekai Animes und
Mangas auf eine solche Situation vorbereitet. Zu irgendwas muss das doch
gut gewesen sein. Denk nach!” Sie schlägt ihre Hände vor das Gesicht und
reibt sich die Augen. Sie atmet tief aus. “Das ist nicht dein Untergang.
Du lebst und wirst nur auf eine andere Welt geschickt. Ein Kinderspiel!”
Sie seufzt. “Nur mit einem kleinen Unterschied: ich habe weder eine
Cheat-Skill noch überhaupt eine besondere Fähigkeit.” Sie steht auf und
geht im Schlafgemach umher.

Es klopft an der Tür. Ihre Eltern treten ein und ihre Mutter stürmt auf
sie zu und nimmt sie sofort in den Arm. Nara vergräbt ihr Gesicht an der
Schulter ihrer Mutter. Ein vertraute Geruch nach Lavendel. Sie drückt
ihre Mutter fester an sich.

Ihr Vater spricht mit zitternder Stimme: “Es tut mir leid, Liebes. Ich
habe es versucht, aber…”, ihm stocken die Worte. Er steht mitten im
Raum, die Arme hängen an seinen Seiten und der große König von New Haven
sieht aus wie ein gebrochener Mann.

Sie löst sich sanft aus der Umarmung ihrer Mutter und richtet sich auf.

“Es ist nicht deine Schuld”, sagt sie ruhig. “Ich habe jahrelang mit
der Kirche meine Späßchen getrieben. Irgendwann musste das Konsequenzen
haben.” Sie lächelt steif, so überzeugend sie konnte. “Ich komme
zurecht. Immerhin lebe ich”

Ihr Vater will etwas sagen. Sie schüttelt den Kopf.

Sie tritt zu ihrem Vater und umarmt ihn fest. Er erwidert die Umarmung
und flüstert ihr ins Ohr, so leise, dass sie es kaum hört. “Bleib
solange du kannst in der Nähe des Portals.” Sie weiß nicht warum, aber
es sind die Worte ihres Vaters. Er wird es ihr nicht grundlos sagen. Sie
nickt kaum wahrnehmbar.

Der Tempelritter, der mit eingetreten war, unterbricht den Abschied
“Majestät, ich muss euch höflichst darum bitten zu gehen. Die
Besuchszeit ist abgelaufen. Die Worte des Kardinals waren eindeutig, ihr
dürft euch nur kurz verabschieden!” Der König stampft wütend auf den
Tempelritter zu. “Zur Hölle mit dem Kardinal, ich bin hier der König,
nicht er.” Doch dieser hält nur galant die Tür auf und geleitet den
König mit einer Handgeste hinaus. Naras Mutter umarmt sie noch einmal,
Tränen fließen ihr still die Wangen herunter. Der Tempelritter verbeugt
sich einmal kurz vor Nara, “Verzeiht Hoheit, ich wünschte, ich könnte
mehr tun.”

Als sich die Tür hinter ihnen schließt, steht sie noch einen Moment
reglos da. Das Knistern des Kamins füllt den Raum. Dann sackt sie auf
dem Boden zusammen und fängt bitterlich an zu weinen.

Transparenzhinweis

Ich nutze aufgrund meiner kognitiven Dysfunktion infolge von ME/CFS KI-Assistenzwerkzeuge bei der Texterstellung. Die gesamte kreative Leistung, also Figuren, Handlung, Weltenbau, Dialoge und sämtliche Ideen, stammt vollständig von mir. KI wird ausschließlich als unterstützendes Hilfsmittel eingesetzt, um meine gesundheitlichen Einschränkungen zu überbrücken.