Das Haus ist überraschend gut erhalten. Aldric klopft gegen die Wand im Obergeschoss und horcht auf das Geräusch. Massiv, kein Hohlraum, kein Knirschen. Der Boden unter ihren Füßen gibt nicht nach und das Dach hat nur zwei kleinere Löcher, durch die Sonnenstrahlen auf den staubigen Boden fallen. Zwei Räume oben, ein großer unten, eine Feuerstelle, die noch intakt aussieht. Aldric malt einen Kreis an die Fassade, als sie wieder draußen stehen.
Nara steht daneben und schaut die Straße entlang. Zurück Richtung Schlossruine.
“Hoheit, es läuft nicht weg.”
Nara dreht den Kopf. Aldric lehnt am Türrahmen und schaut sie an, nicht vorwurfsvoll, eher wie jemand, der etwas zum zweiten Mal sagen muss, weil es beim ersten Mal nicht angekommen ist.
Sie atmet aus. “Ist es so offensichtlich?”
“Ihr schaut alle fünf Minuten in dieselbe Richtung.”
Nara sagt nichts. Aldric hat recht, natürlich hat er recht. Unterkünfte, Wasser, Nahrung, das sind die Dinge, die zählen. Nicht eine verschüttete Ruine, die seit Generationen unter der Erde liegt und es auch noch ein paar Tage länger aushält. Trotzdem nagt es an ihr wie ein Splitter unter dem Fingernagel.
“Nächstes Haus?”, fragt Aldric.
“Nächstes Haus.”
Sie arbeiten sich die Straße entlang. Aldric und zwei Gardisten gehen in jedes Gebäude, das von außen halbwegs intakt aussieht, prüfen die Statik, die Böden, das Dach, während Nara und die restlichen zwei draußen warten. Manche Häuser sehen von außen vielversprechend aus, sind innen aber völlig eingestürzt. Andere überraschen mit stabilen Decken und brauchbaren Räumen.
Sie biegen um eine Ecke und der vordere Gardist bleibt abrupt stehen. Er hebt die Faust und alle halten inne. Kein Wort fällt. Nara kennt die Geste inzwischen. Der Gardist deutet nach vorne, zur nächsten Kreuzung. Dort, zwischen den Trümmern eines eingestürzten Hauses, bewegen sich Gestalten. Klein, grün, mit gebücktem Gang, den Nara seit drei Nächten in ihren Albträumen sieht.
Fünf Goblins. Sie hocken zwischen den Steinen und scheinen etwas zu untersuchen, die Köpfe zusammengesteckt, die Dolche griffbereit an den Gürteln.
Was dann passiert, geschieht so schnell, dass Nara es kaum verarbeiten kann. Ohne ein Wort formiert sich die Gruppe. Aldric tritt direkt vor Nara und bildet einen Schutzwall, das Schwert bereits gezogen, den Blick nach vorne gerichtet. Die anderen vier bewegen sich in zwei Paaren nach vorne, geduckt und leise, einer nach links, einer nach rechts, eine Zangenbewegung so selbstverständlich, als hätten sie es tausende Mal gemacht.
Die Goblins bemerken sie zu spät. Das erste Paar greift von links an und der vordere Gardist erledigt zwei Goblins mit schnellen Hieben, bevor die anderen drei auch nur die Dolche gezogen haben. Das zweite Paar kommt von rechts und der Kampf ist kurz und vorbei, bevor er richtig angefangen hat. Ein Goblin versucht zu fliehen und wird vom Schwert des zweiten Gardisten am Rücken getroffen. Er schlägt auf das Pflaster und rührt sich nicht mehr.
Stille. Dann bricht Jubel aus.
Die Gardisten klopfen sich gegenseitig auf die Schultern, einer stößt einen Triumphschrei aus und selbst Aldric, der neben Nara stehen geblieben ist, grinst breit.
“Warum freut ihr euch so?”, fragt Nara.
Aldric steckt seine Klinge zurück in die Schwertscheide, “Weil es funktioniert hat, Hoheit. Das Training, die Formationen, alles. Jahrelang haben wir das geübt und es gab nie die Gelegenheit, es wirklich einzusetzen. Wachposten, Patrouillen, Stadtfeste absichern. Das hier war anders.”
Nara schaut auf die toten Goblins. Fünf Leichen, grün und klein und mit Dolchen die jetzt auf dem Pflaster verstreut liegen.
“Ich habe eine Idee”, sagt sie. “Jeder von euch schneidet sich den Kristall aus einem Goblin und behält ihn. Als Beweis und als Andenken. Wir können auch einen kleinen Wettbewerb daraus machen und am Ende des Jahres küren wir den Goblinschlächter von Arthengard.”
Die Gardisten schauen sich an und Nara sieht, wie die Idee zündet. Einer zieht sofort das Messer und kniet neben der nächsten Leiche. Die anderen folgen. Nara schaut ihnen zu und steckt die Hände in die Taschen. Fünf Goblins, fünf Gardisten, fünf Kristalle. Die Rechnung geht auf, ohne dass sie einen braucht.
Noch kein Meister vom Himmel gefallen, denkt sie. Weder bei ihnen noch bei ihr. Aber ein Anfang.
Auf dem Marktplatz angekommen, sind die Gardisten immer noch aufgekratzt. Sie stehen vor der Taverne und erzählen sich gegenseitig den Kampf, obwohl alle dabei waren. Jeder hat seine eigene Version und jede Version wird mit Gesten untermalt, die mit jeder Wiederholung größer werden.
Nara lehnt sich an den Türrahmen der Taverne und lässt sie reden. Dann sagt sie, mehr zu sich selbst als zu den anderen: “Fünf Goblins.”
Aldric schaut auf. “Hoheit?”
“In den drei Wochen, die ich hier allein war, habe ich keinen einzigen Goblin gesehen. Nicht einen. Dann, vorgestern Nacht, tauchen plötzlich zwei auf und heute eine Gruppe von fünf.” Sie schaut über den Marktplatz, zu den Gassen, die in die Dunkelheit zwischen den Gebäuden führen. “Das ist kein Zufall.”
Die Gardisten werden still. Das Grinsen verschwindet von ihren Gesichtern und Nara sieht, wie die Erkenntnis einsickert.
“Ihr meint, es werden mehr?”, fragt Aldric.
“Ich meine, dass sie irgendwo herkommen und dass sie in den letzten Tagen angefangen haben, in die Stadt zu kommen. Die Frage ist warum und woher.”
In diesem Moment hört sie Stimmen vom Stadttor her. Cerenas Trupp kommt über den Platz, fünf Gardisten mit Bögen und Messern, und zwei von ihnen tragen ein Reh an einer Stange zwischen sich. Cerenas Gesicht ist ernst.
“Erfolgreiche Jagd?!”, sagt Nara.
Cerena nickt knapp und lässt das Reh auf dem Pflaster ablegen. Dann tritt sie zu Nara und senkt die Stimme. “Wir müssen reden.”
“Was habt ihr gefunden?”
“Eine Golbin Siedlung, vielleicht eine Stunde Fußmarsch in den Wald hinein. Zwanzig bis dreißig, schwer zu sagen, wir sind nicht nah genug heran gegangen."
Naras Magen zieht sich zusammen. “Ein Dorf?”
“Einfache Hütten, eine Feuerstelle. Kein festes Lager, ein sehr primitives Dorf” Cerena schaut zur Stadtmauer. “Sie sitzen zwischen uns und dem tieferen Wald. Wenn wir jagen wollen, müssen wir an ihnen vorbei.”
Nara nickt langsam. “Das erklärt die Kundschafter.”
“Was für Kundschafter?”
“Fünf Goblins in der Stadt, auf dem Rückweg von der Schlossruine. Die Gardisten haben sie erledigt.”
Cerena sagt nichts, aber Nara sieht, wie sich ihr Kiefer anspannt.
Die Gardisten kümmern sich um das Reh. Jemand hat bereits ein Feuer in der Mitte des Marktplatzes entfacht und Stühle und Tische aus der Taverne herausgetragen. Der Geruch von bratendem Fleisch liegt bald in der Luft, aber die Gespräche sind leiser als erwartet. Die Nachricht vom Goblindorf hat sich herumgesprochen.
Nara und Cerena sitzen abseits auf den Stufen vor der Abenteurergilde. Das Feuer auf dem Platz wirft Schatten über die Gebäude.
“Was schlägst du vor?”, fragt Nara.
Cerena antwortet ohne zu zögern, als hätte sie auf dem Rückweg bereits alles durchgerechnet. “Es gibt zwei Optionen. Wir gehen in die offensive und schlagen zu, solange wir den Überraschungseffekt haben.”
Nara verschränkt die Arme. “Und die Alternative? Wir bleiben in der Stadt, befestigen was wir können und warten. Wenn sie weiterhin in kleinen Gruppen kommen, können wir sie einzeln bekämpfen und Stück für Stück dezimieren, ohne das ganze Dorf auf einmal angreifen zu müssen.”
Cerena hat offensichtlich damit gerechnet, dass Nara das vorschlagen würde. “Normalerweise würde ich dir zustimmen, aber es gibt drei Probleme. Erstens wissen wir nicht, wann die nächste Gruppe kommt, und nicht ob es wieder fünf sind oder fünfzehn. Zweitens haben wir nicht die Kapazitäten, dauerhaft eine Wache auf der Mauer aufzustellen, nicht mit zehn Gardisten, die gleichzeitig jagen, bauen und erkunden müssen. Und drittens verlieren wir den Überraschungseffekt, sobald die Goblins merken, dass ihre Kundschafter nicht zurückkommen. Dann kommen sie vielleicht alle auf einmal”
“Und offensiv?”
“Offensiv haben wir den Vorteil der Initiative. Im besten Fall liegen die ersten zehn, bevor sie reagieren können. Weitere zehn in ihrer Reaktionszeit. Mit dem Rest sollten wir spielend fertig werden, wenn sie nicht sogar fliehen”
Nara hört zu und sagt nichts. Das hier ist nicht ihre Welt. Schlachtpläne, Taktik, Truppenstärke. Cerena redet darüber wie über das Mittagessen. Fließend und sicher.
“Das ist deine Fachgebiet”, sagt Nara. “Die Entscheidung liegt bei dir.”
Cerena nickt.
“Aber Cerena,” Nara schaut ihr direkt in die Augen, “nutze jeden Vorteil den ihr haben könnt und habe einen Plan B bis F.”
Ein winziges Lächeln huscht über Cerenas Gesicht, kaum sichtbar im Feuerschein, bevor es sofort wieder verschwindet. “Verstanden.”
“Noch etwas. Wenn ihr angreift, dann nicht direkt nach dem Essen. Wartet bis tief in die Nacht, zwei oder drei Uhr. Lasst die Gardisten vorher ein paar Stunden ruhen. Sie brauchen Schlaf und die Goblins schlafen dann am tiefsten.”
Cerena schaut sie an und Nara sieht einen Ausdruck, den sie nicht ganz einordnen kann. Anerkennung, vielleicht, oder Überraschung.
“Das ist taktisch sinnvoll”, sagt Cerena.
“Ich habe meine Momente”, lächelt Nara.
Sie gehen zurück zum Feuer. Das Fleisch ist fertig und jemand verteilt Portionen auf die Holzschüsseln. Die Gardisten essen langsam, die Augen auf das Feuer gerichtet. Die Gespräche sind leiser als beim letzten Abendessen. Es ist offensichtlich, dass sich etwas zusammenbraut.
Nach dem Essen steht einer der Gardisten auf, geht ohne ein Wort zu den Goblinleichen, die sie auf dem Rückweg am Platzrand abgelegt haben, und trägt sie eine nach der anderen zum Feuer. Er wirft sie hinein und der Geruch der dabei aufsteigt, lässt mehrere Gardisten die Nase rümpfen, aber niemand beschwert sich. Besser der Gestank jetzt als verwesende Leichen vor der Haustür.
Die Stunden vergehen. Manche Gardisten gehen nach dem Essen in die Kaserne, um ein paar Stunden zu schlafen, bevor es losgeht. Die anderen sitzen am Feuer, staren in die Flammen und warten. Nara sitzt unter ihnen und hört zu, wie das Feuer knistert und ab und zu ein leises Gespräch aufflackert und wieder verstummt.
Irgendwann, als die Nacht weit genug fortgeschritten ist, steht Cerena auf. Sie gibt Aldric ein kurzes Zeichen, kaum mehr als eine Handbewegung. Aldric nickt und steht ebenfalls auf. Einer nach dem anderen erheben sich die Gardisten, manche aus der Kaserne kommend, manche vom Feuer. Schwertgurte werden festgezogen und Rüstungen überprüft.
Cerena tritt zu Nara. Ihre Augen sind wach und konzentriert und in der Art, wie sie das Schwert an der Hüfte zurechtrückt, liegt eine Ruhe, die Nara beneidet.
“Wir sind soweit”, sagt Cerena.
Nara steht auf und schaut sie an. Dann schaut sie die Gardisten an, die hinter Cerena im Halbkreis stehen, elf Gesichter im Feuerschein, manche angespannt, manche entschlossen, alle bereit.
“Viel Glück”, sagt Nara. “Kommt alle zurück.”
Cerena nickt. Kurz und fest. Dann dreht sie sich um und führt den Trupp über den Marktplatz in die Dunkelheit hinein. Ihre Schritte auf dem Pflaster werden leiser und leiser, bis sie verschwinden.
Nara sitzt allein am Feuer. Die Stadt ist still. Irgendwo da draußen, eine Stunde Fußmarsch durch einen dunklen Wald, schläft ein Goblin-Dorf noch in falscher Sicherheit.
Sie legt Holz nach.
Kapitel 10 von 11
Kapitel 10 - Unbequemer Besuch
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Ich nutze aufgrund meiner kognitiven Dysfunktion infolge von ME/CFS KI-Assistenzwerkzeuge bei der Texterstellung. Die gesamte kreative Leistung, also Figuren, Handlung, Weltenbau, Dialoge und sämtliche Ideen, stammt vollständig von mir. KI wird ausschließlich als unterstützendes Hilfsmittel eingesetzt, um meine gesundheitlichen Einschränkungen zu überbrücken.
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